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08.04.2008 
Interview mit Pimco-Co-Chef Mohamed El-Erian

„Krise ohne historisches Beispiel“

von Torsten Riecke

Der Co-Chef des weltgrößten Anleihefonds Pimco, Mohamed El-Erian, hält die Finanzkrise noch längst nicht für ausgestanden. Als nächste Krisenherde sieht er die Rohstoff- und Aktienmärkte – und zeichnet die Umrisse einer neuen Weltfinanzarchitektur.

Mohamed El-Erian, Co-Chef des weltgrößten Anleihefonds Pimco Foto: PRLupe

Mohamed El-Erian, Co-Chef des weltgrößten Anleihefonds Pimco Foto: PR

Herr El-Erian, wann wird die Finanzkrise überstanden sein?

Einen genauen Zeitpunkt kann ich nicht nennen. Aber es gibt Voraussetzungen die erfüllt sein müssen, bevor es wieder aufwärts geht.

Welche Bedingungen sind das?

Entweder muss die über-mäßige Kreditaufnahme in einem natürlichen Prozess auf ein gesundes Maß zurückgeführt werden (Deleveraging). Oder aber der Heilungsprozess wird durch Kapitalhilfen für die Finanzinstitu-tionen abgekürzt und beschleunigt.

Wie würde das konkret aussehen?

Insbesondere das US-Finanzsystem befindet sich in einer Anpassungsphase von exzessiver Kreditfinanzierung hin zu einer mehr normalen Verschuldung. Das bedeutet, dass Bilanzen schrumpfen und Vermögensteile verkauft werden müssen. Erst danach kann sich das System wieder stabilisieren. Auf diesem Weg haben wir vermutlich die Hälfte der Strecke hinter uns. Das bedeutet jedoch, es wird weitere Wertberichtigungen und weitere Op-fer der Finanzkrise geben.

Die Aktienmärkte sind offenbar anderer Meinung und feiern bereits das Ende der Krise.

Wir können noch nicht mit Sicherheit sagen, ob wir das Schlimmste hinter uns haben. Dazu brauchen wir mehr Belege, dass der natürliche Heilungsprozess schon weit fortgeschritten ist. Oder aber es muss zu einem entschlossenen Ein-greifen der Politik kommen.

Wie könnte so ein Eingriff aussehen?

Der Teufelskreis der Krise lässt sich durch zwei künstliche Eingriffe von außen durchbrechen: Entweder durch zusätzliches Kapital aus dem Ausland oder durch den Einsatz von Steuergeldern. Der natürliche Heilungsprozess ist langwierig und mit großen Kollateralschäden verbunden. Die Abkürzung bedeutet dagegen einen Regimewechsel. Auch damit sind große Gefahren verbunden. Der Staat greift direkt in den Marktprozess ein und fördert dadurch eine übertriebene Risikofreude (moral hazard).

Lassen sich die Schäden der Krise beziffern?

Die Banken, die von der Krise auf dem falschen Fuß erwischt wurden, haben im Prinzip drei Möglichkeiten. Ihre erste Reaktion war, zusätzliches Kapital aufzunehmen. So haben die Finanzhäuser bislang etwa 59 Mrd. Dollar bei ausländischen Staatsfonds eingesammelt.

Das reicht jedoch nicht.

Richtig. Die Krise ist größer als viele gedacht haben. Deshalb haben die Institute danach versucht, ihre Risikopapiere los zu werden. Aber die Liquidität für diese Papiere versiegte sehr schnell. Wir befinden uns daher in der dritten Phase. Jetzt geht es darum, die Bilanzen mit zusätzlichen Vermögensverkäufen zu verkleinern. Diese Verkaufswelle nimmt keine Rücksicht mehr auf die tatsächliche Qualität der Finanzprodukte. Das Ergebnis ist eine Kreditklemme.

Macht es ökonomisch einen Unterschied, ob die Kapitalhilfen von der eigenen Regierung oder von ausländischen Staatsfonds kommen?

Es macht einen Unterschied, weil sich die USA als Ganzes in einem Defizit befinden. Die Leistungsbilanz ist negativ und der Haushaltsektor steckt in den roten Zahlen. Das notwendige Kapital muss also auf jeden Fall aus dem Ausland kommen. Entweder nehmen es die Banken direkt im Ausland auf oder aber sie bekommen es vom eigenen Staat. Der muss sein Defizit jedoch ebenfalls mit ausländischem Kapital finanzieren. Wenn man die Krise ohne eine tiefe Rezession in den USA bewältigen will, gibt es zu einer Kapitalhilfe aus dem Ausland keine Alternative.

Gibt es ein historisches Vorbild für die aktuelle Krise?

Ich glaube nicht, dass es ein historisches Beispiel gibt. Das ist auch der Grund, warum es so schwierig ist, eine Lösung zu finden.

Wo werden die nächsten Brandherde der Krise ausbrechen?

Wenn wir uns für den natürlichen, schmerzhaften Heilungsprozess entscheiden, wird der Rohstoffsektor als nächstes betroffen. Danach würden vermutlich die globalen Aktienmärkte leiden. Wenn die Regierungen dagegen eingreifen, würde das zuerst den qualitativ hochwertigen Finanzprodukten helfen wie etwa den erstklassigen Hypotheken.

Wird die Krise durch den Zwang verschärft, die Risikopapiere zu Marktpreisen zu bewerten?

Die so genannte „mark-to-market“-Bewertung streut die Probleme. Sie ist jedoch weder die Ursache der Krise noch ihre Haupttriebkraft. Das eigentliche Problem der Finanzinstitute ist, dass sie von der Krise kalt erwischt wurden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Welche Note hat US-Notenbank-Chef Ben Bernanke verdient?

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