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22.10.2008 
Insider-Report zur Pleite der US-Bank

Lehman Brothers und der Domino-Effekt

von Matthias Eberle, Dirk Heilmann, Michael Maisch und Torsten Riecke

Vor einem Monat begann mit der Pleite des US-Bank Lehman die heiße Phase der Finanzkrise. Die Wochen danach belegen eindrucksvoll, wie im Zeitalter der Globalisierung aus vermeintlich begrenzten Problemen weltweite Krisen werden können.

Hauptverwaltung Lehman Brothers in New York: In den frühen Morgenstunden des 15. September 2008 muss die US-Investmentbank nach 158 Jahren Konkurs anmelden. Foto: ReutersLupe

Hauptverwaltung Lehman Brothers in New York: In den frühen Morgenstunden des 15. September 2008 muss die US-Investmentbank nach 158 Jahren Konkurs anmelden. Foto: Reuters

NEW YORK. Richard Fuld ist bester Laune an diesem Tag. Entspannt lehnt sich der Chef der Investmentbank Lehman Brothers in seinen Ledersessel zurück und lässt seinen Blick über die Skyline von Manhattan gleiten. „Viele haben geglaubt, die großen Universalbanken würden uns das Leben schwermachen. Ich habe immer gesagt, dass wir abwarten müssen, bis die Zeiten härter werden. Heute geht es wirklich um Risikomanagement, also darum, niemals in eine Situation zu geraten, aus der es kein Entrinnen mehr gibt“, erzählt der dienstälteste Investmentbanker an der Wall Street.

Was Fuld eigentlich sagen will: Wir haben die Sache im Griff. Er spielt die Rolle des Risikoprofis recht überzeugend. Seine Gesichtszüge verraten jene Härte und Entschlossenheit, mit der er es vom einfachen Banker bis an die Spitze eines der größten Wall-Street-Häuser gebracht hat. Vermutlich glaubt er an diesem Herbsttag im Jahr 2007 selbst noch daran, dass er die bereits heraufziehende Finanzkrise im Griff hat.

Knapp zwölf Monate später jedoch hat Fuld seine Bank in eine Sackgasse gesteuert, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. In den frühen Morgenstunden des 15. September 2008 muss Lehman nach 158 Jahren Konkurs anmelden – weil sein Haus im Zuge der US-Immobilienkrise um faule Kredite 3,3 Milliarden US-Dollar abschreiben muss.

Und nicht nur das. Die Pleite der viertgrößten Investmentbank Amerikas löst rund um den Globus eine Kettenreaktion aus, die fast zu einer Kernschmelze des internationalen Finanzsystems geführt hätte. Die sich langsam zuziehende Kreditklemme verwandelt sich buchstäblich über Nacht in eine zuschnappende Falle. Kreditlinien unter Banken, Anlagen in Geldmarktfonds, Sparguthaben – nichts scheint mehr sicher. Einem Domino-Effekt gleich brechen viele Banken zusammen. „Lehman war der Sündenfall“, sagt heute der Chef einer deutschen Großbank, „der aus der schwelenden Finanzkrise eine Massenpanik gemacht hat.“

Der 15. September 2008 und die folgenden Wochen werden damit in die Geschichtsbücher eingehen. Denn sie belegen eindrucksvoll, wie schnell aus vermeintlich begrenzten Problemen weltweite Krisen werden können. Warum das Zeitalter der Globalisierung anfällig ist für gefährliche Domino-Effekte.

Am Wochenende vor der Lehman-Pleite ist das Schreckensszenario schon in die Köpfe der Topbanker an der Wall Street eingedrungen. Sie haben sich in einem Sitzungssaal der US-Zentralbank, der New Yorker Federal Reserve, zu einer letzten Rettungsaktion zusammengefunden. Fuld ist nicht dabei. Er versucht im eigenen Haus zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Es ist eine düstere Runde. Goldman-Chef Lloyd Blankfein betet still, dass für Lehman in letzter Minute doch noch eine Lösung gefunden wird. So war es schließlich auch bei der Investmentbank Bear Stearns im März, als der Staat eingriff.

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