Von wegen überstanden: Die US-Bank Lehman Brothers wähnte sich Anfang April schon in Sicherheit. Doch nun rechnet Chef Richard Fuld im zweiten Quartal mit einem Verlust, der noch höher ist, als spekuliert worden war. Zugleich kündigte die Bank am Montag eine Kapitalerhöhung in Milliardenhöhe an. Anleger reagierten schockiert.
Die Lehman-Zentrale in New York. Die viertgrößte Wall-Street-Bank muss den ersten Quartalsverlust seit ihrem Börsengang verzeichnen. Foto: ap
NEW YORK. Dick Fuld hätte es besser wissen sollen. „Das Schlimmste ist überstanden", beruhigte der 62-jährige Chef von Lehman Brothers noch Anfang April seine nervösen Aktionäre. Seine Bank hatte gerade mit viel Mühe den härtesten Monat der Finanzkrise hinter sich gebracht. Acht Wochen später steht die kleinste der großen Investmentbanken an der Wall Street jedoch erneut mit dem Rücken zur Wand.
Ein Nettoverlust in Höhe von 2,8 Milliarden Dollar (5,14 Dollar je Aktie) im zweiten Quartal nach einem Gewinn von 1,3 Mrd. Dollar im Vorjahreszeitraum, neue Abschreibungen, massive Kursverluste der Aktie und eine dünne Kapitaldecke zwingen Fuld zu einer dramatischen Rettungsaktion. Die genauen Quartalszahlen will die kleinste der wichtigen Wall-Street-Banken am 16. Juni bekanntgeben. Zugleich kündigte das Institut am Montag eine Kapitalerhöhung durch Ausgabe von Stammaktien und Wandelpapieren an, durch die sechs Milliarden Dollar eingenommen werden sollen. Die Ergebnisse seien „sehr enttäuschend“. Mit Hilfe der Kapitalmaßnahmen und der Erholung auf den Kreditmärkten sei die Bank jedoch in „einer guten Position“, ihre Geschäftsstrategie umzusetzen. Die Kreditwächter der Ratingagentur Moody’s sind anderer Meinung und änderten ihren Kreditausblick für Lehman von „stabil“ auf „negativ“.
Die überraschend hohen Verluste der Investmentbank weckten an der Wall Street Zweifel, ob die Finanzkrise bereits überstanden ist. Meredith Whitney, Analystin des Investmenthauses Oppenheimer & Co. in New York sagte für die Großbanken Citigroup, Merrill Lynch und UBS neuerliche Abschreibungen von zusammen zehn Mrd. Dollar voraus. Sie begründete ihre düstere Prognose mit dem Verlust der erstklassigen Bonität für die Bondversicherer MBIA und Ambac. Deren Kreditversicherungen stützen die Werte vieler Finanzprodukte der Banken.
Zu den Banken, die dringend neues Kapital benötigen zählen die Experten auch das drittgrößte britische Geldhaus Barclays. „Vorstandschef John Varley müsste in Sachen Kernkapital etwas tun. Viele wundern sich, warum er nicht bereits gehandelt hat“, sagt Bob Parker, Vice Chairman von Credit Suisse Asset Management. Die Analysten der Citigroup bezifferten den Kapitalbedarf vor kurzem auf sechs Mrd. Pfund. In Londoner Finanzkreisen hieß es, dass Barclays versuche eine öffentliche Bezugsrechtsemission zu vermeiden und stattdessen darüber nachdenke neue Aktien an Großinvestoren wie Staatsfonds zu verkaufen. Im vergangenen Jahr beteiligte sich bereits der Fonds Temasek aus Singapur und die China Development Bank an dem britischen Geldhaus.
Mark Priest, Händler bei Tradindex, sagte:. „Diejenigen, die dachten, dass die Kreditkrise vorbei ist, haben sich eindeutig getäuscht.“ Über allem schwebt die Furcht, dass Lehman wie Bear Stearns zum Opfer einer Massenpanik werden könnte. Am Montag verlor die Lehman-Aktie zu Handelsbeginn mehr zehn Prozent und notierte bei 29,06 Dollar. Die meisten Analysten hatten lediglich ein Minus von rund 300 Millionen Dollar im zweiten Quartal erwartet.

