London
Im Zentrum des Betrugs

London entwickelte sich in den vergangenen Monaten von der einstigen Vorzeige-Metropole zum Hauptschauplatz für Zinsmanipulationen und Anlagebetrug. Um diese Wandlung zu verstehen, muss man ein paar Jahre zurückblicken.
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LondonFast unbeweglich sitzt er da, stundenlang, kerzengerade. Eigentlich wirkt Kweku Adoboli wie ein extrem disziplinierter Mensch, nicht wie ein Glücksspieler. Und doch steht der 32-Jährige im Saal 3 des Southwark Crown Courts vor Gericht, weil er im Londoner Handelssaal der Schweizer Großbank UBS 2,3 Milliarden Dollar verzockt haben soll und damit die Bank an den Rand des Ruins trieb. Acht Wochen haben die zwölf Geschworenen Zeit, um zu entscheiden, ob der Diplomatensohn ein skrupelloser Täter ist oder Opfer des Systems Investment-Banking.

Im Southwark Crown Court geht es somit nicht nur um den mutmaßlichen Milliardenbetrüger Adoboli. Die gesamte Londoner City sitzt auf der Anklagebank. Der Prozess gegen den UBS-Trader ist der Abschluss eines Skandal-Sommers, der Europas wichtigstes Finanzzentrum in seinen Grundfesten erschüttert hat, vielleicht sogar stärker als alle Beben der Finanzkrise zuvor. Es geht um Betrug in den Handelssälen, um die Manipulation eines der wichtigsten Referenzwerte der Branche und um Beihilfe zur Geldwäsche. Die einstige Vorzeigebranche ist nicht mehr vorzeigbar. Von der glitzernden Metropole des Geldes hat sich London innerhalb weniger Wochen in die Welthauptstadt der Bankenskandale verwandelt.

Wie konnte das passieren? Und liegt das an den Menschen, die in der City arbeiten, oder am Investment-Banking, das Gier mit Reichtum belohnt, aber auch zu Skrupellosigkeit anstiftet, manchmal gar zum Verbrechen?

Die Geschichte dieser Skandale beginnt am 27. Juli. Es ist ein schwüler Sommermorgen, an dem die Anwaltskanzlei Latham & Watkins ihre besten Kunden zu früher Stunde ins Luxushotel „Corinthia“ eingeladen hat. Nach Croissants und Kaffee im Foyer drängt ein schier endloser Strom dunkler Anzüge in den großen Ballsaal. Angelockt hat die Menge der Harvard-Historiker Niall Ferguson. Sein Thema: „Wird London als globale Finanzhauptstadt überleben?“ Oder wird es der Stadt so ergehen wie einst Venedig, das jahrhundertelang Meere und Märkte beherrschte und heute nur noch als Touristenhochburg Weltruhm beanspruchen darf?

Wenige Stunden später wird die britische Finanzaufsicht FSA eine E-Mail versenden, die Fergusons Vergleich sehr aktuell macht. In dürrem Bürokraten-Englisch übermitteln die Aufseher, dass sich die drittgrößte britische Bank Barclays mit den Behörden in Großbritannien und den USA auf eine Rekordstrafe von knapp einer halben Milliarde Dollar geeinigt hat, weil Händler der Bank den globalen Referenzzins Libor manipuliert haben.

Dahinter verbirgt sich die London Interbank Offered Rate, ein täglich vom britischen Bankenverband BBA errechneter Zins, an dem sich Geldhäuser rund um den Globus orientieren. Am Libor hängt ein weltumspannendes Netz von Produkten im Wert von Hunderten Billionen Dollar. In Großbritannien löste der Skandal einen Sturm aus, der binnen weniger Tage Barclays-Chairman Marcus Agius und Vorstandschef Bob Diamond aus dem Amt fegte.

Kommentare zu " London: Im Zentrum des Betrugs"

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  • Leute die aus Geld mehr Geld machen sind für mich perse kriminell. Denn Geld kann nicht arbeiten. Es sind immer Menschen die arbeiten, oder Maschinen, die von Menschen gemacht wurden. Ergo ist jeder, der auf irgendeine Weise Geld bekommt, ohne selbst zu arbeiten in meinen Augen ein Betrüger und Ausbeuter.

  • Im Zentrum des Betrugs
    Wie konnte das passieren?

    London --von der einstigen Vorzeige-Metropole zum Hauptschauplatz für Zinsmanipulationen und Anlagebetrug.
    Historiker Niall Ferguson---sein Thema:
    „Wird London als globale Finanzhauptstadt überleben?“
    Oder wird es der Stadt so ergehen wie einst Venedig, das jahrhundertelang Meere und Märkte beherrschte und heute nur noch als Touristenhochburg Weltruhm beanspruchen darf?
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    Jede Herrschaft hat ihren Anfang und ihr Ende. Was immer dort passiert, Betrug oder Zufall- Schuld der Händler oder des PC-Programms. Entscheidend ist was hinten rauskommt-- das wird bewertet.
    Und - nichts bleibt ewig bestehen, vor allem, wenn es nur noch auf Luftnummern und virtuellen Zahlen aufgebaut ist. Die Spezialisten handeln mit Geld-ohne gedeckten Warenwert-- sie werden genauso irgendwann das Schicksal wie Venedig erleiden.
    Wie konnte das passieren?
    Weil die Gier- die Macht- das Gefühl Herr über alles zu sein , das Hirn vernebelt -beschränkt und zerfressen hat.
    Sie sind Meister auf ihrem Gebiet, aber alles andere blenden sie aus- dumm wie die Nacht finster.
    Aus "Geld mach Geld"-dümmer kann man die gesammte Weltwirtschaft nicht mehr begrenzen. Das läuft irgendwann ins Leere.
    Wenn sie versinken wie Venedig, dann ist es darum nicht schade, ein Zockerstaat weniger und das besser heute als morgen.
    Die Menschheit hat sich schon immer selbst den eigenen Untergang bescheert.Jetzt sind wir wieder mal dran. Niemand hat jemals daraus was gelernt. Gier und Macht steht schon immer über der dem Gebot der Vernunft.
    Wer sich in gefahr begibt, kommt darin um. Sie haben betrogen,gelogen vor lauter Gier- - sie bekommen die Rechnung.

  • Von wegen Betrug. Nachdem ich den Artikel zweimal gelesen habe, komme ich zum Ergebnis, dass nicht nur beim Autor der Prozess der Kursfeststellung unverstanden ist. Vermutlich denkt er dabei an Angebot und Nachfrage. Mitnichten. Kursfeststellung heute im Informationszeitalter der elektronischen Börsen ist eine Projektionsmessung. Damit bestimmt der dem Handelssystem zugrundliegende Algorithmus den Preis. Wer also glaubt, es würde eine konkrete Eigenschaft des Wertpapiers festgestellt, lebt einen naiven Realismus. Das Wertpapier ist nur noch Platzhalter, eigentlich braucht man es nicht mehr. Wir handeln mit nichts, manche nennen es Vertrauen. Aber wie bewertet man Vertrauen?

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