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30.07.2008 
Auswirkungen der Finanzkrise

Merrill Lynch und die Schleuderpreise

von Matthias Eberle, Peter Köhler und Oliver Stock

Das Ausmaß der Kreditkrise weitet sich aus und führt bei Banken zu spektakulären Abschlägen auf Schuldverschreibungen. Aktuelles Opfer: wieder die US-Investmentbank Merrill Lynch. Nach milliardenschweren Abschreibungen muss das Finanzinstitut nun Kreditpapiere und Aktien buchstäblich verschleudern - und macht damit auch der Konkurrenz neue Probleme.

Die Investmentbank Merrill Lynch ist ins Schlingern geraten und könnte nun auch die Situation anderer Institute noch verschärfen. Foto: ArchivLupe

Die Investmentbank Merrill Lynch ist ins Schlingern geraten und könnte nun auch die Situation anderer Institute noch verschärfen. Foto: Archiv

NEW YORK/FRANKFURT. Nur zehn Tage nach Bekanntgabe eines riesigen Quartalsverlustes musste die ins Schlingern geratene US-Bank Merrill Lynch am Dienstag erneut Milliarden-Abschreibungen vornehmen und ihr Kapital kräftig erhöhen. Vor Steuern werden im dritten Quartal etwa 5,7 Mrd. Dollar abgeschrieben, weil die Bank ein ursprünglich gut 30 Mrd. Dollar teures Kreditpaket mit einem Abschlag von fast 80 Prozent an eine Tochterfirma von Lone Star Funds verschleudert hat. Meredith Whitney, Analystin von Oppenheimer & Co., sprach von einem "Kapitulationsverkauf".

Doch nicht nur das: Merrill Lynch bietet im Rahmen der angekündigten Kapitalerhöhung neue Aktien mit einem deutlichen Abschlag zum aktuellen Börsenkurs an. Der Preis für die Papiere der sei auf 22,50 Dollar festgelegt worden, teilte die Bank am Dienstag in New York mit. An der Börse mussten hingegen zuletzt 24,73 Dollar für eine Merrill-Aktie bezahlt werden. Insgesamt sollen der Bank durch die Kapitalerhöhung 8,55 Milliarden Dollar (5,5 Milliarden Euro) zufließen. Der Kurs des Wertpapiers reagierte prompt - in New York legte die Aktie überraschend um mehr als acht Prozent zu.

Mit der Portfolio-Bereinigung eines Großteils ihrer riskantesten Kreditpositionen, sogenannter "Collateralized Debt Obligations" (CDO), liefert Merrill Lynch dem Finanzsektor wichtige Signale - und zugleich sehr beunruhigende. Denn für diese Papiere erlöst sie gerade mal 22 Prozent ihres ursprünglichen Nominalwerts.

Damit wird offensichtlich, dass zahlreiche Banken und Analysten trotz pausenloser Abstufungen die riskanten Papiere immer noch viel zu hoch bewerten. Zum Vergleich: Die Royal Bank of Scotland hatte ihr Engagement bei forderungsbesicherten CDOs zuletzt vor vier Monaten offengelegt und damals mit 52 Cent zum Dollar angegeben.

In Bankenkreisen heißt es deswegen, dass UBS, Barclays und die Royal Bank of Scotland mit weiteren massiven Abschreibungen rechnen müssen. "Was bei Merrill und anderen Banken passiert, ist nichts anderes als ein Tod durch Tausende Messerstiche", sagte Daniel Alpert, Bankenexperte der Investmentbank Westwood Capital, der Nachrichtenagentur Reuters.

Bisher haben die Kreditinstitute im Zuge der Finanzkrise rund 470 Mrd. Dollar abgeschrieben. Dass am Ende der Leiden ein Gesamtverlust in Höhe von einer Billion Dollar stehen könnte, gilt an der Wall Street inzwischen als konservative Schätzung. Jüngste Prognosen von Goldman Sachs oder UBS liegen bereits deutlich darüber.

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