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30.10.2007 
Führungskrise

Merrill sucht nach neuer Strategie

von Torsten Riecke

Merrill Lynch befindet sich im Niemandsland. Obwohl die Ablösung von Konzernchef Stanley O'Neal an der Wall Street bereits seit dem Wochenende im Gespräch ist, gibt es von Seiten des Brokerhauses dafür immer noch keine offizielle Bestätigung. Ebenso wenig weiß man über den möglichen Nachfolger an der Merrill-Spitze.

NEW YORK. Larry Fink, Chef des Vermögensverwalters Blackrock, wird zwar als Wunschkandidat gehandelt, scheint sich aber noch zu zieren. Im Rennen sind ebenfalls noch Gregory Flemming und Robert McCann, beides Topmanager bei Merrill Lynch.

So wichtig die Personalentscheidungen für Merrill sind, noch entscheidender ist es, mit welcher Strategie der neue Mann an der Spitze die Bank aus der Krise führen will. "Merrill hat kein Konzept. Sie wechseln alle vier bis fünf Jahre ihre Führung aus und beginnen wieder von vorn", moniert Richard Bove, Analyst beim Investmenthaus Punk Ziegel in Miami.

So war das auch mit O'Neal, als er Ende 2002 offiziell das Kommando von David Komansky übernahm. Inoffiziell hatte O'Neal als Präsident bereits seit 2001 die Fäden bei Merrill in der Hand. Er war es, der nach den Terroranschlägen auf New York 2001 die Firma umkrempelte und fast 15 000 Stellen abbaute. Damit verbunden war auch eine Abkehr von der Expansion unter Komansky. Merrill schrieb damals 1,7 Mrd. Dollar für verlustreiche Zukäufe ab. Ad acta legte O'Neal auch die fürsorgende Kultur des Hauses, die intern mit dem Begriff "Mutter Merrill" umschrieben wurde.

Der neue Konzernchef nahm sich den Marktführer im Investment-Banking Goldman Sachs zum Vorbild und versuchte, seine Bank aggressiv in Geschäftsfelder mit hohen Margen - aber auch großen Risiken - zu führen. Dazu gehörte unter anderem der Ausbau des Buy-out-Geschäfts, wo Merrill als Partner von Private-Equtiy-Firmen nicht nur als Finanzier, sondern auch als Direktinvestor auftrat.

Besonders stark expandierte das Brokerhaus jedoch in den Markt für strukturierte Kreditprodukte. Innerhalb weniger Jahre wurde Merrill der führende Anbieter für Collateralized Debt Obligations (CDOs). Dabei handelt es sich um Kreditpakete aus Tranchen verschiedener Risikoklassen, die oft mit Hypothekenanleihen unterlegt sind. Nach Ausbruch der Subprime-Krise summierten sich jedoch gerade in diesem Geschäft die Verluste.

Obwohl O'Neal sich mit seinem aggressiven Kurs bei Merrill nicht viele Freunde machte, gab ihm der Erfolg zunächst Recht. Die Bank verdoppelte innerhalb von drei Jahren ihre Profite auf fünf Mrd. Dollar. Zum Dank gewährte der Board dem Merrill-Chef im vergangenen Jahr ein Gehaltspaket von 46 Mill. Dollar und machte ihn damit zum bestbezahlten Wall-Street-Banker. O'Neal war damit auf dem Gipfel seiner Karriere angelangt. Sein Großvater wurde noch als Sklave auf den Baumwollplantagen im Süden Amerikas geboren. O'Neal wuchs in bitterer Armut auf und arbeitete sich vom Fließband bei General Motors bis zum College-Abschluss und später zur Harvard Business School hoch. 1986 kam er zu Merrill Lynch und arbeitete dort zunächst als Händler für "Junk Bonds" (Schrottanleihen). Es war die Zeit, als Michael Milken die hochriskanten Kreditprodukte populär machte.

Seinen Aufstieg innerhalb der Bank hat O'Neal zum Teil Managern wie dem früheren Vice-Chairman Thomas Patrick zu verdanken, die er später aus dem Konzern drängte. So war er am Ende allmächtig, aber eben auch ohne Verbündete. Die enormen Abschreibungen von 8,4 Mrd. Dollar im dritten Quartal und die Tatsache, dass O'Neal im Alleingang Fusionsgespräche mit der Geschäftsbank Wachovia geführt hatte, kosten dem Manager am Ende den Job.

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