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21.03.2005 
„Unternehmen tragen selbst Verantwortung für ihre schwache Kapitalausstattung“

Mittelstand vernachlässigt Finanzplanung

von Norbert Häring, Katharina Kort, Handelsblatt

Der deutsche Mittelstand kümmert sich nicht ausreichend um sein Eigenkapital, ergab eine Befragung bei 4 000 Unternehmen. Nur jeder vierte Mittelständler definiert ein Ziel für seine Eigenkapitalausstattung. Selbst von denen, die ihre Eigenkapitalausstattung als nicht gut einstufen, strebt nur die Hälfte eine Erhöhung an, ergab die Untersuchung des Instituts für Kredit- und Finanzwirtschaft an der Ruhr-Universität Bochum (ikf) in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsauskunftei Creditreform.

FRANKFURT/M. Nur 15 Prozent der Mittelständler sind bereit, zusätzliche Eigenkapitalgeber aufzunehmen und nur 18 Prozent haben eine klare Vorstellung davon, welche Eigenkapitalgeber zu ihnen passen würden.

Mit zunehmender Betriebsgröße verbessert sich die Eigenkapitalausstattung und die Unternehmer nehmen die Finanzplanung wichtiger. Aber selbst bei den Betrieben mit mehr als 100 Mitarbeitern definiert nur jeder zweite Unternehmer Eigenkapitalziele. Dabei zeigt die Studie deutlich: Unternehmer, die Finanzierungsfragen nicht wichtig nehmen und wenig Zeit für ihre Finanzplanung reservieren, haben unterdurchschnittliche Renditen und sind krisenanfälliger. In schlechten Zeiten schlägt sich die schwache Eigenkapitalausstattung dann in der Insolvenzstatistik nieder. Bis 2003 stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen rapide auf den Rekordwert von über 40 000 an. 2004 sank sie nur unwesentlich.

Die hartnäckige Eigenkapitallücke im deutschen Mittelstand stellt für die Banken und Sparkassen geschäftspolitisch wie imagepolitisch ein großes Problem dar. Die Studie belegt, dass mangelnde Eigenkapitalausstattung mit einer erhöhten Krisenanfälligkeit und damit einem höheren Ausfallrisiko für die Bank einhergeht.

Wegen der bevorstehenden Einführung neuer Eigenkapitalregeln für Banken (Basel II) haben die meisten Banken und Sparkassen Ratingverfahren eingeführt, um ihre Kreditvergabe und die Konditionen stärker am Ausfallrisiko zu orientieren. Dies ging zum Teil mit einer deutlich restriktiveren Kreditvergabe einher, was zu heftigen Klagen von Unternehmen und Verbänden über eine Kreditklemme führte. Die Zurückhaltung bei der Kreditvergabe war zunächst bei den privaten Großbanken besonders ausgeprägt. Diese waren vor zwei Jahren noch durch massive Kreditausfälle, Fehlinvestitionen im Investment-Banking und Kapitalmarktturbulenzen in schweres Fahrwasser geraten.

Deshalb wünschen sich die Banken dringend eine bessere Eigenkapitalausstattung der Unternehmen. „Der deutsche Mittelstand ist unterkapitalisiert und der kleine ganz besonders“, klagt Gerald Lüer, Experte für Mittelstandsfinanzierung bei der Commerzbank. „Wir würden es begrüßen, wenn die kleineren Unternehmen eine höhere Eigenkapitalquote hätten“, sagt auch Reiner Groenig, Finanzierungsexperte für Geschäftskunden bei der Deutschen Bank. Harald Langenfeld, Mitglied des Vorstandes der Sparkasse Saarbrücken beklagt, dass die dünne Eigenkapitaldecke deutscher Unternehmen gerade bei einer schwachen Konjunktur zu höheren Kreditausfällen führt.

Deutschlands Mittelständler rangieren international bei der Ausstattung ihrer Unternehmen mit Eigenkapital ganz weit hinten, und das Problem wird immer größer. „Seit 20 Jahren sinkt die Eigenkapitalausstattung des Mittelstands in der Tendenz“, sagte Creditreform-Vorstand Helmut Rödl dem Handelsblatt. „Zuletzt betrug sie nur noch 7,5 Prozent der Bilanzsumme und eine Trendwende ist noch nicht abzusehen.“ In Österreich ist die Quote doppelt so hoch, in Frankreich und den Niederlanden mehr als vier Mal so hoch.

Nach Ansicht von ikf-Finanzierungsexperte Professor Stefan Paul tragen weniger die Konjunktur und die Steuern als der Mittelstand selbst die Verantwortung für die schlechte Eigenkapitalausstattung. Seine Provokante These belegt Paul mit einer langfristigen Betrachtung: Auch in konjunkturell guten Zeiten habe der Mittelstand seine Eigenkapitalquote zurückgeführt, und auch Verbesserungen der steuerlichen Bedingungen für die Eigenkapitalbildung hätten sich nicht positiv ausgewirkt.

Doch auch die Banken sind nach Einschätzung Pauls nicht ganz unschuldig an der Misere. Denn sie sollten eigentlich durch Aufklärung und Beratung für einen Einstellungswandel gesorgt haben. „Die Beratungsangebote wirken nicht,“ alle müssten ihr Angebot überarbeiten, heißt es in der Studie des ikf. Ein Vorwurf, der besonders die Banken trifft, da sie nach Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern für die Mittelständler die zweitwichtigste Informationsquelle in Finanzierungsfragen sind.

Nach Pauls Einschätzung sind die Bankberater oft nicht in der Lage die nötige konzeptionelle Unterstützung bei der Erstellung einer Eigenkapitalkonzeption zu bieten. „Ihnen fehlt die Branchenkompetenz, oft auch die soziale Kompetenz und die methodische Kompetenz“, geht er mit ihnen ins Gericht. Diese seien erforderlich etwa um Ratings zu erklären oder so sensible Themen wie Nachfolgeregelung anzusprechen.

Auf der anderen Seite nimmt Paul die Banker auch in Schutz. Kammern und Verbände, die weit abgeschlagen auf Rang fünf der Informationsquellen liegen, „sollten selbst stärker aufklärend tätig werden und nicht nur Kritik an Basel II und an den Banken üben“ schreibt er diesen ins Stammbuch.

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