Die Münchener Rück
hat ihr Interesse an Teilen des angeschlagenen US-Versicheres AIG
bekräftigt. "Sie dürfen davon ausgehen, dass wir bei allen Angeboten, die jetzt auf den Markt kommen und die für uns strategisch interessant sind, in die Bücher sehen wollen," sagte der Konzernchef des weltweit größten Rückversicherers, Nikolaus von Bomhard, dem Handelsblatt.
MÜNCHEN. Der Versicherungsriese AIG
war vor knapp zwei Wochen von der US-Notenbank mit einem Kredit von 85 Mrd. Dollar gerettet und faktisch übernommen worden. AIG
steht unter dem Druck, sich von Konzernteilen zu trennen und will am kommenden Freitag bekanntgeben, welche Bereiche er abstoßen will. Entscheidend sei für die Münchener Rück
jedoch, "ob der Preis stimmt", sagte von Bomhard. "Es muss sich für uns eine Gewinnchance bieten." Inwieweit das bei etwaigen Angeboten der AIG
der Fall sei, müsse sich erst zeigen.
Die Münchener Rück
sieht sich für eine Expansion jedenfalls gut gerüstet. "Wir haben bisher unser Pulver trocken gehalten und sind vergleichsweise sehr gut kapitalisiert. Wir können sofort loslegen", sagte von Bomhard. Dank eines strikten Risikomanagements treffe die Finanzkrise den Konzern weit weniger als manchen Konkurrenten.
Allerdings hinterließen die sinkenden Aktienkurse auch bei der Münchener Rück
ihre Spuren. Ob die bereits gesenkte Gewinnprognose für 2008 noch einmal herabgestuft werden müsse, ließ von Bomhard offen. "Wir müssen den 30. September abwarten und dann unser Kapitalanlageportefeuille bewerten. In der aktuellen Situation mit diesen heftigen Marktbewegungen macht es keinen Sinn, Wasserstandsmeldungen abzugeben."
Das vollständige Interview:
„Handelsblatt: Herr von Bomhard, die Finanzkrise hat die Versicherungswirtschaft endgültig erreicht. Können Sie noch ruhig schlafen?“
Von Bomhard: Ja, das kann ich. Unsere Situation ist sehr stabil. Wir haben unsere Lehren aus der Krise 2002/2003 gezogen und unser Risikomanagement stark weiterentwickelt. Wir haben damit früher angefangen als andere und sind sehr rigoros in der Anwendung.
„Risiken managen heißt also: Sie treten auf die Bremse?“
Nein, wir wollen profitabel wachsen. Es heißt: Daten zu sammeln, auszuwerten und das Portefeuille im Rahmen der Vorgaben des Risikomanagements aktiv zu steuern. Der Aufwand hierfür ist gewaltig, doch unser Risikomanagement eröffnet uns auch neue Geschäftsmöglichkeiten. Denn die Transparenz über die Risiken und damit unser Geschäft erlaubt eine Optimierung unseres Kapitaleinsatzes.
„Waren Sie vorsichtiger als die anderen? “
Bei allem Einsatz von Modellen und Simulationen bedarf es am Ende einer gehörigen Portion gesunden Menschenverstands. Wir waren skeptisch, dass die Margen für Kreditrisiken ausreichend sind. Wir hatten auf diese Risiken also keinen Appetit. Oder, um es mit Warren Buffett zu sagen: Man muss nicht bei jedem Tanz dabei sein.
„Dafür ist Buffett derzeit auf Schnäppchenjagd. Gleichzeitig sehen wir taumelnde Banken und eine Rezession im Anmarsch. Wird es richtig ungemütlich?“
Es ist schwer zu sagen, was konkret noch auf uns wartet. Sicherlich sind noch nicht alle Banken über den Berg, aber die unmittelbaren Folgen der Krise in der Finanzindustrie dürften allmählich zurücktreten vor den nicht minder unangenehmen Folgen der Finanzkrise für die ökonomische Entwicklung der meisten Länder. Es bleibt aber ungemütlich.
„Der angeschlagene US-Versicherer AIG steht vor dem Verkauf von Geschäftsbereichen. Welche Konzernteile würden Sie gerne übernehmen? Käme was in Osteuropa oder China infrage?“
Sie nennen von unserer Tochtergesellschaft Ergo definierte Zielregionen, in denen wir wachsen wollen. Entscheidend ist für uns, ob eine Akquisition strategisch sinnvoll ist und ob der Preis stimmt. Inwieweit das bei etwaigen Angeboten der AIG der Fall sein wird, wird sich zeigen. Sie dürfen aber davon ausgehen, dass wir bei allen Angeboten, die jetzt auf den Markt kommen und die für uns strategisch interessant sind, in die Bücher sehen wollen.
„Auch wenn sich die Assekuranz in der Krise im Großen und Ganzen wacker geschlagen hat: Brauchen wir schärfere Regeln und mehr Kontrolle in Europa, damit ein Fall AIG hier nicht passiert?“
Wir brauchen vor allem ein besseres Risikomanagement. Im Gegensatz zu den Banken, vor allem in den USA, halte ich den Regelungsbedarf bei der Assekuranz für begrenzt, vor allem, wenn jetzt das neue Regelwerk „Solvency II“ eingeführt wird. Dieser neue, risikobasierte und konsistent ökonomische Aufsichtsansatz sollte ausreichend Prävention bieten, wenn Transparenz und eine vernünftige, mittelfristige Gewinnerwartung bei Investoren und Management dazu kommen.

