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11.12.2006 
Morgan Stanley: Vorstandschef John Mack krempelt um

No risk, no fun

von Torsten Riecke

John Mack, seit Mitte 2005 Vorstandschef beim Wall-Street-Haus Morgan ist das Gegenteil seines Vorgängers Philip Purcel: Mack scheint kaum ein Risiko zu scheuen. Beste Beispiele sind der Kauf eines Grundstücks in der Glücksspiel-Metropole Atlantic City und eine Beteiligung an den Casinos Donald Trumps.

Traditionsreiches Wall-Street-Haus: Morgan Stanley. (Quelle: AP Photo/Mark Lennihan) Lupe

Traditionsreiches Wall-Street-Haus: Morgan Stanley. (Quelle: AP Photo/Mark Lennihan)

NEW YORK. Das hätte es unter dem alten Chef Philip Purcell sicher nicht gegeben. Morgan spielt Roulette, Einsatz 2,5 Milliarden Dollar. Diese Summe will die Investmentbank ins riskante Glücksspielgeschäft investieren. So hat das traditionsreiche Wall-Street-Haus nicht nur ein Grundstück im Spieler-Paradies Atlantic City gekauft, sondern sich auch am Casino-Imperium des wirtschaftlichen Glücksspielers Donald Trump beteiligt.

Am Roulette-Tisch sitzt John Mack, der Mitte vergangenen Jahres bei Morgan das Ruder von Purcell übernommen hat. Seitdem vergeht kaum ein Tag, an dem der 62-jährige Sohn libanesischer Einwanderer nicht die weltweit knapp 55 000 Mitarbeiter der Bank antreibt, mehr Risiken einzugehen. Nach acht Jahren unter dem übervorsichtigen Purcell kommt das für Morgan einer Kulturrevolution gleich.

Als Mack Ende Juni 2005 nach vier Jahren zu Morgan zurückkehrte, gab es begeisterten Beifall und Versprechungen. "Wir sind der Goldstandard", proklamierte der Banker damals vor Hunderten jubelnder Mitarbeiter. Eine offene Kampfansage an den großen Rivalen Goldman Sachs, der Morgan in den vorangegangenen Jahren abgehängt hatte. Ob im Eigenhandel mit neuen Finanzprodukten wie Aktienderivaten oder im lukrativen Private-Equity-Geschäft. Bei allem, was riskant, aber überaus ertragreich ist, haben die Goldmänner heute die Nase vorn. Während Morgan in den 90er-Jahren noch 75 Prozent mehr Gewinn erwirtschaftete als der Erzrivale, verdienten die viel schlanker aufgestellten Goldmänner mittlerweile 12,5 Prozent mehr. Bei der Eigenkapitalrendite lag Goldman mit knapp 22 Prozent deutlich vor Morgan mit gut 17 Prozent. Der frühere Bondhändler Mack benötigte für die Ursachenanalyse des Niedergangs nur wenige Tage. Nicht die von ihm mit ausgearbeitete Strategie sei falsch, sondern die risikoscheue Kultur sei das Problem.

Händlernaturen wie Neal Shear spricht der Banker damit aus der Seele. "Eine Risikokultur hat es bei uns schon immer gegeben. Wir mussten sie nur wieder zum Leben erwecken", sagt der Chef des Handelsgeschäfts. Shear hat sein Büro direkt neben dem großen Handelssaal. Die Nähe zum Puls des Markes ist ihm wichtig. Er liebt schnelle Entscheidungen und ist gerade dabei, massiv in das lukrative Geschäft mit verbrieften Hypothekenkrediten einzusteigen. Hier will Morgan zu den Konkurrenten Lehman Brothers und Bear Stearns aufschließen. "Zwei Jahre brauchen wir noch, dann sind wir im Fixed-Income-Geschäft da, wo wir hinwollen", kündigt Shear mit Blick auf die ehrgeizigen Ziele von Mack an. Der hat versprochen, den Gewinn der Bank vor Steuern bis 2010 zu verdoppeln. Analysten sind skeptisch. "Man kann eine Kultur nicht einfach auf Knopfdruck ändern", sagte kürzlich Guy Moszkowski von Merrill Lynch.

Gleichwohl: Auch im Asset-Management herrscht Aufbruchstimmung. Hier hat sich Morgan in den vergangenen zwei Monaten an vier Hedge-Fonds beteiligt. Experten schätzen, dass die Einkaufstour mehr als eine Milliarde Dollar gekostet hat. "Das Risiko wäre größer, wenn wir nicht in dieses Geschäft eingestiegen wären", sagt Stuart Bohart, Chef der Sparte Alternative Investments bei Morgan Dass seine Bank zu spät und immer noch zu zögerlich zu der Hedge-Fonds-Party kommt, meint er nicht. "Wir bieten unseren Kunden eine Mischung aus modernen und traditionellen Anlageformen", sagt Bohart.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Es kommt auf die richtige Balance an"

Ein regelrechtes Comeback gibt es für Morgan im Private-Equity-Geschäft. Nur zwei Jahre nachdem sich die Bank aus diesem Feld verabschiedet hatte, um mögliche Interessenkonflikte und Risiken zu vermeiden, geht Mack jetzt wieder selbst auf Firmenjagd. Konflikte mit den Kunden im Beratungsgeschäft des Investment-Bankings stören ihn dabei nicht. "In unserem globalen Geschäft wird es immer Konflikte geben. Es kommt auf die richtige Balance an", hat der Konzernchef seinen Managern kürzlich ins Stammbuch geschrieben. Die Konkurrenz von Goldman handelt schon lange nach der gleichen Maxime. Das eigene Private-Equity-Geschäft hält Mack deshalb auch nicht davon ab, anderen Firmenjägern bei der Finanzierung ihrer Milliardentransaktionen zu helfen. Von den Branchengrößen KKR und Blackstone war zuletzt nur Gutes über die Zusammenarbeit mit Morgan zu hören. "Sie wandeln sich", sagte KKR-Gründer Henry Kravis der "Business Week". So hat die Investmentbank unter anderem den fünf Milliarden Dollar schweren Börsengang eines KKR-Fonds in Amsterdam begleitet.

Die meisten Mitarbeiter empfinden Macks Kulturrevolution offenbar wie eine Befreiung. Selbst Starmanager wie der Kapitalmarkt-Spezialist Jon Anda, der im Machtkampf mit Purcell das Weite gesucht hatte, sind zu Morgan zurückgekehrt. Um seine Talente bei der Stange zu halten, hat Mack außerdem ein neues Anreizprogramm eingeführt. Wer mindestens 500 000 Dollar im Jahr verdient, kann mit Hilfe der Bank sein Geld in Hedge-Fonds und Private-Equity-Fonds anlegen. So steckt der Chef seinen Mitarbeitern das Risikobewusstsein noch mit in die Gehaltstüte.

Das Rezept scheint zu wirken. Im dritten Quartal des laufenden Jahres übertraf Morgan mit einem Reingewinn von 1,85 Mrd. Dollar nicht nur die Erwartungen der Wall Street, sondern schnitt auch besser ab als die Konkurrenz. Auch an der Börse hat die Bank aufgeholt. Vom "Goldstandard" ist Mack jedoch immer noch ein Stück entfernt.

Kritiker wie Merrill-Analyst Moszkowski bezweifeln, dass Morgan mit seiner breiten Angebotspalette von Kreditkarten (Discover) über Brokerage (Dean Witter) bis hin zum Investment-Banking jemals so profitabel werden wird wie die viel stärker fokussierten Konkurrenten Goldman Sachs und Lehman Brothers. Deshalb wollen auch die Gerüchte nicht verstummen, dass Mack die Bank für eine Übernahme schmückt. Die Großbanken JP Morgan und HSBC würden vermutlich nicht Nein sagen.


Boom an der Wall Street

Gute Zeiten:

Ein blühendes Geschäft mit Fusionen und Übernahmen (M&A) sowie hohe Handelsgewinne im festverzinslichen Bereich sorgen für volle Kassen bei den Investment-Banken. "Die Fundamentaldaten sind weiterhin gut", sagt Brad Hintz, Analyst beim Investmenthaus Sanford Bernstein. Die großen Investment-Banken der Wall Street legen im Laufe der Woche ihre Zahlen für das Schlussquartal vor.

Hohe Erwartungen:

Die Analysten an der Wall Street rechnen damit, dass die großen Häuser auch im vierten Quartal ihre Gewinne gegenüber dem Vorjahr nochmals gesteigert haben. Die Nase vorn hat erneut Goldman Sachs, für die der Informationsdienst Thomson Financial einen Ertragssprung von 77 Prozent voraussagt. Die meisten anderen bringen es zumindest auf zweistellige Zuwächse. Das Ergebnisplus von Morgan dürfte auf Grund von einmaligen Sondereffekten nicht ganz so hoch ausfallen.

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