Privatkunden-Geschäft: Aschenputtel kommt in die Filiale

Privatkunden-Geschäft
Aschenputtel kommt in die Filiale

IKB, SachsenLB, Hypo Real Estate oder Lehman Brothers: Die Liste der Häuser, die der Finanzkrise zum Opfer fielen, ist lang. Zugleich hat in der Branche ein Umdenken eingesetzt. Nun knüpft sie an einen Trend an, der vor einigen Jahren erstmals zutage trat – die Wiederentdeckung des Privatkunden.

FRANKFURT. Wie groß der Zwang ist, die eigene Strategie zu überdenken, zeigt eine vor wenigen Tagen veröffentlichte Studie der Unternehmensberatung Steria Mummert Consulting. Als Folge der Krise will jeder zweite deutsche Topbanker bis 2011 Geschäfts- und Risikostrategie auf den Prüfstand stellen. Befragt wurden im Rahmen der Untersuchung 100 Führungskräfte aus Sparkassen, Landesbanken, genossenschaftlichen und privaten Kreditinstituten.

Der Blick über den großen Teich zeigt, dass die Branche schon längst Fakten schafft. Denn der Anpassungsdruck ist gerade bei den reinen Investmentbanken, die die Wall Street jahrzehntelang dominiert haben, groß. Beispiel: Goldman Sachs und Morgan Stanley. Beide Traditionshäuser traf nach der Pleite des Konkurrenten Lehman Brothers Mitte September das Misstrauen der Anleger mit voller Wucht. Um Liquiditätsprobleme und den drohenden Kollaps zu vermeiden, gaben die Institute ihren Status als sogenannte „broker dealer“ auf. Damit erhielten sie zwar die Möglichkeit, sich über die US-Notenbank Fed zu refinanzieren und Einlagen zu sammeln. Zugleich unterwarfen sie sich aber auch einer verschärften Aufsicht, höheren Eigenkapitalanforderungen – und damit künftig deutlich geringeren Renditen.

Auch in Europa scheint das Modell der reinen Investmentbank überholt zu sein. So hat die italienische Mediobanca schon im Sommer angekündigt, ins Privatkundengeschäft einzusteigen. Girokonten, Aktiendepots und Immobilienkredite soll es künftig über das Internet sowie in 110 Filialen geben. Über 100 Mio. Euro investieren die Italiener in den Aufbau ihrer Retail-Marke „Che Banca!“.

Hierzulande ist man ebenfalls wieder stolz auf das noch vor wenigen Jahren als Aschenputtel geltende Privatkundengeschäft. Das gilt nicht zuletzt für den heimischen Branchenprimus. „Die wertige Beratung steht vor einer Renaissance“, ließ Rainer Neske, Chef des Privatkundengeschäfts der Deutschen Bank, erst vor wenigen Tagen wissen. Im Rahmen seiner Offensive in diesem weniger von der Krise getroffenen Segment will das Geldhaus europaweit 2 500 Berater einstellen, davon 1 200 in Deutschland. 2009 sollen in Deutschland mindestens 300 000 neue Retail-Kunden gewonnen werden.

Die Logik hinter solchen Expansionsplänen ist stets die gleiche – unabhängig, ob es sich um die Deutsche Bank oder ein anderes Haus handelt. Privatkunden sorgen für relativ stabile Erträge bei geringem Risiko. Zugleich liefern sie Einlagen und damit die günstigste Möglichkeit, sich in Zeiten mangelnden Vertrauens unter Banken Liquidität zu verschaffen. Doch Privatkundengeschäft lohnt am Ende nur, wenn genügend Kunden betreut werden. Denn die Fixkosten im Geschäft mit Otto Normalverbraucher sind hoch.

Vor diesem Hintergrund haben die deutschen Privatbanken 2008 entscheidende Weichenstellungen getroffen. So gelang es der Nummer zwei des Marktes, der Commerzbank, die ins Trudeln geratene Dresdner Bank zu kaufen. Damit entsteht hierzulande eine Großbank mit etwa 1 200 Filialen, 13,7 Millionen Privatkunden und über 100 000 Firmenkunden. Branchenprimus Deutsche Bank hat ebenfalls Fakten geschaffen und sich noch im September knapp 30 Prozent an der Bonner Postbank gesichert. Damit sind über Nacht – neben Volksbanken und Sparkassen – zwei schwergewichtige Retail-Bankengruppen entstanden. Auch das ist ein Beleg für das durch die Krise ausgelöste Umdenken. Ob die Rechnung aufgeht, muss sich jedoch erst noch zeigen. Sowohl Commerzbank als auch Deutsche Bank ächzen angesichts der jüngsten Zuspitzung der Finanzkrise unter den finanziellen Lasten der Transaktion.

Doch nicht nur die reinen Investmentbanken stehen mit dem Rücken zur Wand, auch andere – hochgradig spezialisierte – Institute wie Immobilienfinanzierer sind stark unter Druck. Sie leiden gleich an zwei Fronten: Zum einen gibt es wenig Neugeschäft, weil kaum noch Gewerbeimmobilien gebaut werden. Auf der anderen Seite müssen sich diese Banken in aller Regel komplett über den Kapitalmarkt finanzieren. Die Ausnahme hierzulande ist die Eurohypo, die als Commerzbank-Tochter auf die Liquidität des Mutterkonzerns zurückgreifen kann. Nicht wenige Experten befürchten, dass der Beinahe-Zusammenbruch der Münchener Hypo Real Estate nicht der letzte in dem Segment sein könnte. „Das Geschäftsmodell des reinen Immobilienfinanzierers, der sich hauptsächlich am Kapitalmarkt refinanziert und sich ein relativ niedriges Rating leisten kann, hat wenig Zukunft“, resümierte erst kürzlich Morgan-Stanley-Analyst Ronny Rehn.

Hans G. Nagl
Hans G. Nagl
Handelsblatt / Senior Financial Correspondent
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