Am Donnerstag debattieren die UBS-Aktionäre auf einer außerordentlichen Hauptversammlung über ihren neuen Großaktionär aus Singapur. Doch wer verbirgt sich eigentlich hinter der Government of Singapore Investment Corporation (GIC)? Singapurs Staatsfonds helfen Großbanken wie der UBS aus der Kapitalnot – und schweigen über ihre wahren Motive.
Tony Tan ist als operativer Chef des Singapurer Staatsfonds GIC Herr über ein Vermögen von mehr als 100 Milliarden Dollar. Foto: Archiv
SINGAPUR. "Pirat!" schreit die Menge, "Verbrecher!" Dann hält ein vermummter Student sein Feuerzeug an das Poster von Ho Ching, und das Bild der Temasek -Chefin
geht in Flammen auf. "Raus mit Singapur!" johlen die Demonstranten. Das war 2006 auf Bangkoks Sathorn Road. Vor Singapurs Botschaft entlud sich die Wut vieler Thais über einen Staatsfonds aus dem reichen Nachbarland. Temasek hatte Premier Thaksin Shinawatra gerade für 1,9 Mrd. Dollar sein Telekom
-Imperium
abgekauft.
Der Sensations-Deal wurde zum Rohrkrepierer. Aus Sicht vieler Thais missbrauchte Singapur seine Finanzkraft um sich gesetzwidrig ein Filetstück ihrer Wirtschaft anzueignen und sich zugleich in die heimische Politik einzumischen. Temaseks Großeinkauf wurde zum Katalysator für Massenproteste, die der Armee den Weg zum Putsch ebneten.
Die zurückhaltenden Schweizer werden am Donnerstag keine vergleichbaren Szenen veranstalten. Aber für helvetische Verhältnisse verspricht die außerordentliche Hauptversammlung stürmisch zu werden, bei der die UBS
-Aktionäre
über ihren neuen Großaktionär aus Singapur debattieren. Sie haben es nicht mit der aggressiven Temasek zu tun, sondern mit einem diskreteren Zwilling, der Government of Singapore Investment Corporation (GIC). Das Beispiel Bangkok zeigt indes, wie leicht Staatsfonds ins Zentrum eines politischen Hurrikans gesogen werden können.
GIC agierte bis vor kurzem so lautlos, dass der Name nur wenigen ein Begriff war. Erst ein spektakulärer Doppelschlag zerrte den Fonds ins Rampenlicht: Er hat neun Mrd. Dollar für neun Prozent an der UBS
hingeblättert und mit sieben Mrd. Dollar bei der Rekapitalisierung der Citigroup
geholfen. Parallel dazu spielte Temasek mit 4,4 Mrd. Dollar bei Merrill Lynch
Retter in höchster Not. Singapurs Vorstoß in die von der Subprime-Krise geschwächten Bastionen westlicher Hochfinanz hat eine Debatte über die wahren Motive des Zwergstaats entfacht. In deren Kern steht die Frage: Wer ist GIC, was sind seine Ziele? Der Fonds wurde 1981 gegründet, um Singapurs rasant anschwellende Währungsreserven profitabel anzulegen. Auf seiner dürftigen Webseite stilisiert er sich zu einem vom Staat unabhängigen, langfristig denkenden und konservativen Vermögensverwalter, der systematisch in alle Anlageformen diversifiziert. Dies ist richtig - aber nur die halbe Wahrheit.
"GIC ist wie Temasek elementarer Teil des Singapurer Staatsapparats", meint ein in der Stadt lehrender Professor. Wie eng die Stränge politischer und wirtschaftlicher Macht dort zusammenlaufen, legt die Besetzung von Spitzenposten nahe: GIC -Chairman ist Lee Kuan Yew persönlich. Der Staatsgründer hat als "Minister Mentor" einen Kabinettsposten auf Lebenszeit inne. Singapurs Geschicke lenkt er noch immer aus dem Hintergrund. Vize-Chairman ist sein Sohn Lee Hsien Loong. Im Hauptberuf leitet er als Premier Singapurs politisches Tagesgeschäft. Seine Frau Ho Ching steht Temasek vor. Sie scheut die Medien, selbst ihr Alter ist unklar. Ihr Fonds bündelt traditionell Singapurs Anteile an Staatsfirmen. Das gibt ihm gewaltige Macht: Temasek kontrolliert sieben der zehn größten Firmen des Landes, dazu die wichtigsten Medien. "Ein elementares industriepolitisches Steuerungselement", urteilt ein Banker.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Arbeit im Verborgenen.
GIC ist anders. Bislang wirkte der Fonds strikt im Verborgenen. Er streute seine Investments über viele Firmen in aller Welt und beließ es bei Anteilen von unter einem halben Prozent. Den Einstieg bei UBS
und Citigroup
erklärte sein operativer Chef Tony Tan kürzlich als "außerordentlichen Umständen" geschuldete Ausnahme. Er beteuert, GIC bleibe seinem Ansatz treu: Man sei weder ein strategischer Investor noch politisch motiviert und strebe keinerlei Einfluss aufs Management der Banken an.
Kritiker stoßen sich an der personellen Verquickung von politischer und wirtschaftlicher Macht in dem autoritär regierten Zwergstaat, die GIC mit versinnbildlicht. Die Ämterhäufung geht Hand in Hand mit einer Verschwiegenheit, gegen die jede Schweizer Privatbank schwatzhaft scheint. Sogar um GICs wahres Vermögen ranken sich Gerüchte: Offiziell sind es über 100 Mrd. Dollar. Manche Banker munkeln vom Doppelten oder gar Dreifachen. Ratingagenturen und der IMF fordern seit langem mehr Transparenz. "Das ist unser Geld, wir wissen wie wir damit umgehen müssen", entgegnete Lee Senior. Es gebe genügend interne Kontrollen. Immerhin gab der Fonds vor zwei Jahren kurz Einblick in seine Performance: Inflationsbereinigt wurde sein Kapital in den vergangenen 25 Jahren mit 5,3 Prozent pro Jahr verzinst.
Seit er im Rampenlicht der internationalen Medien steht, ringt sich GIC weitere Informationen ab. Singapur verstehe westliche Sorgen über Staatsfonds und werde auf diese mit mehr Transparenz reagieren, versprach Tony Tan in der "Straits Times". Tan unterstreicht, dass die Finanzkraft seines Fonds für die Rettung einer weiteren Bank reicht und bekräftigt: "Wir sehen uns jeden Deal an, der an uns herangetragen wird."
Temasek hegt bereits seit Jahren eine auffällige Vorliebe für Banken: Auf den Sektor entfällt mit 38 Prozent der Löwenanteil aller Investments. Die Gesellschaft kontrolliert neben der heimischen DBS-Gruppe mit Danamon und BII zwei indonesische Institute und hält 19 Prozent an Standard Chartered.
An Südkoreas Hana, Indiens ICICI, der Bank of China
und der China Construction Bank ist sie mit großen Minderheitsanteilen beteiligt.
Für Kenner der Stadt ist dies kein Zufall. Denn der Zwergstaat ohne Ressourcen sucht sein Heil als Finanzzentrum. Ein enges Netz zwischen seinen Institutionen und ausländischen Banken kann dabei nur helfen. Vor allem richtet Singapur seine rigorose Wirtschaftsplanung darauf aus, der Schweiz den Rang als Nummer eins im Private Banking streitig zu machen. Mit Erfolg: Nirgends wachsen Vermögensverwalter wie UBS
schneller. "An einem führenden Vertreter der Branche maßgeblich beteiligt zu sein, passt in Singapurs wirtschaftspolitischen Masterplan", meint ein dort ansässiger Unternehmensberater.
Interessenskonflikte sind damit nicht unbedingt programmiert. UBS
und Citigroup
könnten von dem neuen Miteigentümer durchaus profitieren - falls GIC aus Temaseks Fehlern lernt. Angesichts der Rückschläge hat die Gesellschaft kürzlich eine neue Strategie angekündigt, die so sanft wie vage klingt: Mehrheitsbeteiligungen an "ikonischen" Firmen werden künftig vermieden, genauso wie Investments, die "emotionelle Reaktionen" auslösen.

