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18.09.2008 
US-Versicherer geht einer ungewissen Zukunft entgegen

Rettung zweiter Klasse für AIG

von Torsten Riecke

Die staatliche Rettungsaktion für den US-Versicherungskonzern AIG hat die Panik an den Finanzmärkten etwas gedämpft, aber nicht vertrieben. Die Aktien von AIG fielen nochmals kräftig. Anleger befürchten, dass ihre Anteile wertlos werden könnten.

Der Staatseingriff bei AIG sorgt für Verwirrung. Foto: ReutersLupe

Der Staatseingriff bei AIG sorgt für Verwirrung. Foto: Reuters

NEW YORK. Der Staatseingriff bei AIG sorgt für Verwirrung. Nachdem US-Finanzminister Hank Paulson die Investmentbank Lehman Brothers noch zum Konkursrichter geschickt hatte, vollzieht er jetzt eine Kehrtwende. Notenbank und Finanzministerium hatten sich zuvor in einer dramatischen Krisensitzung auf die Rettung geeinigt. Der Konzern erhält von der Federal Reserve (Fed) einen Überbrückungskredit von bis zu 85 Mrd. Dollar. Die Laufzeit beträgt zwei Jahre, der Zins liegt mit 8,5 Prozentpunkten über der dreimonatigen Interbankenrate in London (Libor) sehr hoch.

Im Gegenzug übernimmt das Finanzministerium fast 80 Prozent der AIG-Anteile und damit die Kontrolle über das Unternehmen. In einem ersten Schritt wurde der bisherige AIG-Chef Robert Willumstad abgelöst und durch den Versicherungsmanager Edward Liddy ersetzt.

"Niemand weiß, was eine Pleite von AIG bedeutet hätte. Es gab jedoch ein enormes systemisches Risiko für das Finanzsystem", sagte David Havens, Creditanalyst bei der Schweizer Großbank UBS. AIG hat Anleiheprodukte im Volumen von 441 Mrd. Dollar gegen Kreditausfälle abgesichert. Allein knapp 60 Mrd. Dollar davon betreffen Hypothekenanleihen mit niedriger Bonität (Subprime). Zu den Kunden gehören Finanzinstitute rund um den Globus. Analysten hatten den Abschreibungsbedarf bei anderen Banken im Falle einer AIG-Pleite auf 180 Mrd. Dollar beziffert. Die zentrale Rolle der Versicherung im Weltfinanzsystem hat die US-Behörden dazu bewogen, erneut den staatlichen Rettungsring zu werfen.

Die Fed sei nur eingeschritten, weil eine Pleite die Märkte unvorbereitet getroffen hätte. Ein Zusammenbruch hätte den fragilen Zustand an den Finanzmärkten weiter verschärft, teilte die Fed mit. Bei Lehman sei das anders gewesen. In Versicherungskreisen in Washington sorgte die Rettung von AIG auch deshalb nicht für große Überraschung, weil dem Konzern lange gute Verbindungen zum Geheimdienst CIA nachgesagt werden: "Der Konzern ist weltweit präsent und eine gute Informationsquelle".

AIG ist mit der staatlichen Rettung aber keineswegs über den Berg. Das Unternehmen verliert seine Selbstständigkeit und wird sein Tafelsilber verkaufen. "Das ist ein kontrollierter Konkurs", schreibt Unicredit-Analyst Marco Annunziata. Betroffen von der Abwicklung sind nicht nur zahlreiche Kreditversicherungen (Credit Default Swaps), sondern auch der gesunde Kern des Versicherungsgeschäfts. Auf der potenziellen Verkaufsliste stehen etwa der Rückversicherer Transalantic Holdings, die Autoversicherungssparte und die Vermögensverwaltung. Unter den Hammer könnte auch die Konzernperle International Lease Finance Corp. (ILFC) kommen. Als möglicher Interessent gilt hier der ILFC-Gründer Steven Udvar-Hazy. Gerüchte, dass die Allianz zusammen mit der Private-Equity-Firma J.C. Flowers AIG ein Hilfspaket angeboten habe, wollte der deutsche Versicherungskonzern nicht kommentieren. Dennoch gilt es in der Branche als sicher, dass die Allianz zumindest an Teilen des US-Konzerns Interesse haben könnte.

Zuvor hatten Goldman Sachs und JP Morgan Chase versucht, ein Rettungspaket im Umfang von 75 Mrd. Dollar für AIG auf die Beine zu stellen. Die Finanzbranche ist jedoch durch die Krise derart angeschlagen, dass sie nicht mehr in der Lage war, die Mittel für eine private Rettungsaktion aufzubringen.

Ausgelöst wurde der dramatische Verfall von AIG durch eine Herabstufung der Ratingagenturen. Der Bonitätsverlust führte zu einem unmittelbaren Kapitalbedarf, um zusätzliche Sicherheiten für die übernommenen Kreditversicherungen zu hinterlegen. Zu den größten Verlierern gehört der langjährige AIG-Chef Maurice Greenberg, der etwa elf Prozent der Anteile hält.

Mitarbeit: Markus Fasse

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