Die in Frankfurt gern kolportierte Version der Fusionsgespräche von Deutscher Bank und Citigroup 2003 und 2004 besagt, dass damals US-Bankchef Sandy Weill und Kanzler Gerhard Schröder den Stein ins Rollen brachten und Deutschbanker Josef Ackermann von Beginn an skeptisch war. Nun kratzt Weill in seinen Memoiren an diesem Bild.
FRANKFURT. Weill schreibt in seinem soeben in den USA erschienenen Buch, Ackermann habe ihm bei Verhandlungen in den Jahren 2003 und 2004 seine Bank zum Kauf angeboten. Auch wenn die Fusionsgespräche damals scheiterten, ist die Frage nach dem Urheber immer noch spannend. Dem Schweizer Ackermann wird häufig eine fehlende Verankerung in Deutschland nachgesagt, immer wieder gibt es auch Befürchtungen, der Konzern könne in eine deutsche Privatbank und eine angelsächsisch geprägte Investmentbank zerlegt werden.
Seit einiger Zeit bemüht sich der Banker, diesen Eindruck zu korrigieren – etwa durch ein großes Interview in der „Bild“-Zeitung oder seine kürzlich geäußerte Bereitschaft, sich im Streit um den EADS-Konzern für die deutsche Position zu engagieren. Diese Versuche würden konterkariert, wenn sich herausstellte, dass Ackermann damals der Motor der Verkaufsverhandlungen war.
Und genau so beschreibt es Weill, der sich als Erster der direkt Beteiligten öffentlich äußert. Er erzählt von einem Abendessen mit Ackermann im Sommer 2003 in Berlin: „Während des Essens hat Ackermann mich verblüfft, als er eine Fusion zwischen seiner Bank und der Citigroup vorschlug.“ Weill gefiel diese Idee natürlich. Und bei einem Treffen mit Schröder am selben Abend gewann er den Eindruck, auch der Kanzler würde einem Deal seinen Segen geben.
Damit ist das Thema in Weills Buch „The real deal“ weitgehend erledigt. In einer Fußnote heißt es nur noch lapidar, dass es Anfang 2004 in Armonk im Bundesstaat New York tatsächlich zu Verhandlungen kam, die aber von Ackermann abgebrochen wurden, weil sie an die Öffentlichkeit durchsickerten.
Die Deutsche Bank wollte sich am Donnerstag nicht zu diesen Enthüllungen äußern. Aber im Umfeld Ackermanns wird traditionell eine andere Version verbreitet, die sich auch in der kürzlich erschienenen Ackermann-Biografie des Schweizer Journalisten Erik Nolmans wiederfindet. Demnach ging die Initiative von Schröder und Weill aus. Schon 2002 habe sich der Kanzler bei einem Treffen in New York bei Weill erkundigt, ob die Citigroup den damals kriselnden deutschen Banken nicht helfen könne. Gemeint war wohl vor allem die Commerzbank. Doch Weill habe dem Kanzler klar gemacht, dass ihn in Deutschland nur der Branchenprimus interessiere.
Das spätere Treffen Ackermanns und Weills im Berliner Hotel Adlon wird dann so dargestellt, als habe der Amerikaner und nicht Ackermann den Fusionsvorschlag unterbreitet. Demnach sollte die Deutsche Bank das weltweite Investment-Banking leiten und die Citigroup das Privatkundengeschäft. Ackermann habe dies als Übernahme der Deutschen Bank gewertet und abgelehnt – obwohl ihm der Chefposten des Konzerns angeboten wurde. Immerhin gab es aber noch ein Treffen von Experten beider Banken in der Wohnung des heutigen Aufsichtsratschefs Clemens Börsig, bevor Ackermann zunächst die Reißleine zog.
Anfang 2004 gab es jedoch eine weitere Gesprächsrunde in Armonk – laut Nolmans aber auf Empfehlung Schröders. Eines ist immerhin klar: Der Aufsichtsrat der Deutschen Bank fand an der Idee keinen Gefallen, und die deutsche Industrie war ebenfalls dagegen. Daher blieb der Plan eine Fußnote in der Geschichte der Bank – aber eine, die immer wieder die Gemüter erhitzt.


