Die schottische Finanzindustrie erlebt einen schwarzen Montag - nun rollen die Köpfe bei der Royal Bank of Scotland
. Fred Goodwin muss gehen, der aus der regionalen Bank die fünftgrößte Finanzgruppe der Welt geschaffen hatte. Neuer Chef wird ein Engländer.
LONDON. So schnell fällt ein Denkmal nicht. In Treue fest stehen die Schotten zum größten Sohn ihrer stolzen Finanzbranche. "Wir sind besorgt über das Ausmaß an manchmal ans Rachsüchtige grenzender Kritik an Sir Fred Goodwin," tadelt die Vorsitzende des Stadtrats von Edinburgh, Jenny Dawe, in einem gestern veröffentlichten Brief an die Zeitung "The Scotsman". Trotz der Probleme seiner Royal Bank of Scotland
(RBS)
, verursacht durch ihre US-Tochter, "sind wir wahrhaft dankbar für die Verdienste, die er sich um die Bewahrung des globalen Hauptquartiers in Edinburgh erworben hat".
Doch als die Edinburgher Kiosk-Besitzer heute am frühen Morgen die Zeitung in die Regale sortierten, da stand bereits fest, dass die Karriere des Fred Goodwin beendet ist. Er hat in neun Jahren aus einer regionalen Bank aus Edinburgh die fünftgrößte Finanzgruppe der Welt nach Börsenwert geschaffen - und ihren Niedergang bis zur schmachvollen Flucht in die Arme des Staates begleitet.
Nun lässt der neue Mehrheitsaktionär, die Regierung im beneideten und verachteten London, die Köpfe rollen. Goodwin muss gehen, sein Chairman und schottischer Landsmann Tom McKillop, wird ihm bei der nächsten Hauptversammlung im April folgen. Der neue Chef wird ein Engländer - Stephen Hester, bisher Leiter der Immobiliengruppe British Land
.
Ob denn wenigstens der neue Chairman dann ein Schotte werde, fragte bei der Telefonkonferenz der RBS
-Führung am Montagvormittag hoffnungsvoll ein Journalist. Doch er hatte seine Frage noch gar nicht zu Ende formuliert, da fiel ihm McKillop schon ins Wort. "In der heutigen Welt sind doch wohl solche Erwägungen nicht wichtig", rügte er den Fragesteller. Hester, der, obwohl noch gar nicht im Amt, schon einmal der Konferenz beiwohnte, fügte noch hinzu: "Als ich das letzte Mal in meinen Reisepass geschaut habe, stand da ?Britisch?!"
Zack. Und wieder ein Dämpfer für die stolzen Schotten. Zwei Großbanken haben sie, die eine gehört jetzt der Regierung in London, die andere, HBOS
, ebenfalls durch die Übernahme einer englischen Bank durch eine schottische groß geworden, wird von ebendieser Regierung gerettet und zwangsweise an die englische Lloyds TSB
verscherbelt.
Edinburgh rühmte sich bisher, die viertgrößte Finanzmetropole Europas nach Vermögenswerten zu sein. Knapp eine halbe Million Einwohner hat die vornehmen kleinere Schwester von Glasgow, die Finanzbranche dominiert mit 300-jähriger Tradition. 100 000 Schotten arbeiten für Banken, Versicherungen und zahlreichen Vermögensverwalter und Investmentfonds. Noch einmal 100 000 Arbeitsplätze hängen direkt daran. 60 Prozent Wachstum hatte die Branche nach offiziellen Angaben von Anfang 2000 bis Anfang 2007 aufzuweisen. Ist das nun in Gefahr?
Ein hitziges Wortgefecht zwischen dem für Schottland zuständigen Staatssekretär der Londoner Regierung, Jim Murphy, und dem Chef der schottischen Regionalregierung, Alex Salmond, zeigt, dass es längst nicht nur um die Arbeitsplätze geht. Der Separatist Salmond spricht gerne von einem "Bogen des Wohlstandes", den ein unabhängiges Schottland mit Irland und Norwegen bilden könnte. Murphy spottete jetzt, das werde wohl eher ein "Bogen der Insolvenz" unter Einschluss von Island. Salmond beharrt im Gegenzug darauf, dass Schottland alleine mit der Krise viel besser klargekommen wäre. Das allerdings ist angesichts der Finanzspritze von insgesamt 31,5 Mrd. Pfund für RBS
und HBOS
eine kühne These.

