Lässt man Goldman Sachs außen vor, haben die New Yorker Investmentbanken innerhalb kurzer Zeit all ihre Nettogewinne der letzten zehn Jahre ausradiert. Was bedeutet das für die Zukunft des Handels an der Wall Street?
NEW YORK/FRANKFURT. Der Krösus der Rekordverdiener an der Wall Street hieß vor nicht allzu langer Zeit Henry Paulson. Der Vorstandschef der New Yorker Investmentbank Goldman Sachs erhielt 2005 laut einer Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC 38,3 Mill. Dollar Gehalt inklusive Aktien und Optionen. Unweit von Paulson landete der Chef von Merrill Lynch, Stanley O'Neal, der 35,4 Mill. Dollar verdiente. Drei Jahre später sieht die Welt so aus: O’Neal ist mit Schimpf und Schande entlassen und seine Investmentbank, gemeinsam mit einigen Rivalen, in eine existenzbedrohende Krise gerutscht. Henry Paulson avanciert derweil zum obersten Brandhelfer – als Finanzminister der USA.
Lässt man Goldman Sachs außen vor, haben die New Yorker Investmentbanken innerhalb kurzer Zeit all ihre Nettogewinne der letzten zehn Jahre ausradiert. Die Zeche zahlen die Aktionäre und Steuerzahler, sobald Paulson mit Kapital aus Washington zu Hilfe eilt. Allein Merrill Lynch hat in der Vorwoche wieder einen Quartalsverlust von 4,65 Mrd. Dollar ausgewiesen und weitere 9,7 Mrd. Dollar auf faule Kredite abgeschrieben. Das Minus war doppelt so hoch wie von Analysten befürchtet. Analyst David Henderson von Credit Sights sieht die Wall Street auf eine Ära zusteuern, in der es bald einige Investmentbanken weniger geben wird. Und diejenigen, die überlebten, seien künftig weniger wichtig, sagte er der „Business Week“.
Während Bear Stearns bereits im März 2008 an den Wettbewerber JP Morgan Chase notverkauft wurde, hängt die Zukunft von Lehman Brothers am seidenen Faden. Der Aktienkurs hat innerhalb eines Jahres mehr als 70 Prozent an Wert verloren, weil Investoren seit Monaten auf ein Bear-Stearns-ähnliches Aus der Investmentbank spekulieren. „Sie haben riskante Wertpapiere gekauft und den Fremdkapitalanteil erhöht, doch die Wette hat sich nicht ausgezahlt“, sagt Brad Golding vom Vermögensverwalter Christofferson, Robb & Co. Er vergleicht die Situation von Lehman Brothers mit einem bonitätsschwachen Hausbesitzer, der sich beim Kauf finanziell völlig übernommen hat.
Eine 180-Grad-Wende der gesamten Branche ist überfällig, wenn sie das Finanzdebakel finanziell überstehen und zu einem nachhaltig profitablen Geschäftmodell zurückfinden will. Bei der Aufarbeitung der Krise sind die hohen Verluste, die aus den rasant steigenden Kreditausfällen resultieren, nur ein Problem von vielen. An Lehman Brothers lässt sich auch die Frage festmachen, in welchen Bereichen die Investmentbanken künftig eigentlich ihr Geld verdienen wollen. Das Geschäft mit Immobilien und Kreditverbriefungen ist inzwischen nahezu völlig ausgetrocknet. Zwischen Dezember 2007 und Mai 2008 hat die Investmentbank gerade noch zwei Mrd. Dollar an Hypotheken ausgegeben, 16-mal weniger als im Jahr zuvor. Auch die Nachfrage bei der Beratung von Fusionen und Übernahmen (M&A) ist im Zuge der schwachen US-Wirtschaft deutlich auf dem Rückzug, die Umsätze purzeln. Schon haben die Konzernlenker massiv auf die Kostenbremse getreten und Zehntausende Arbeitsplätze rund um den Globus abgebaut.
Um die Schieflage in der Bilanz auszugleichen, helfen jetzt nur noch Kosten sparende Zusammenschlüsse oder der Verkauf von Tafelsilber, wie bei Merrill Lynch zu sehen. Der neue Konzernchef John Thain will sich in den nächsten Wochen und Monaten von weiteren Beteiligungen trennen, nachdem er gerade erst den Anteil am Finanznachrichten-Konzern Bloomberg für 4,4 Mrd. Dollar abgegeben hat.
Die Geschäftsmodelle der Investmentbanken stehen auf dem Prüfstand. „Es gibt eine Renaissance des Dienstleistungsgedankens“, sagt ein Frankfurter Top-Banker, der die gesamte Branche im Umbruch sieht. Die Beratung bei Fusionen und Übernahmen, aber auch bei der Strukturierung der Bilanzen werde an Bedeutung zunehmen. Dagegen würden Geschäfte, bei denen das Geld der Aktionäre für eigene Transaktionen der Investmentbanken verwendet werden, tendenziell abnehmen. Ein Vorteil bestehe dabei darin, dass man weniger Kapital binden muss.
„In den vergangenen drei Jahren haben die Fachleute für Syndizierungen und die Handelsteams das Geschäft getrieben. Doch nach dem Boom werden die Vorstände zukünftig wieder viel stärker auf die Bonität der Beteiligten achten“, sagt ein Experte. Bei den Finanzprodukten erwarten die Beobachter zwar keine Rückkehr zu einfachen sogenannten „plain vanilla“-Konstruktionen, allerdings werde die Komplexität deutlich zurückgedreht. „Es wird beispielsweise Verbriefungen geben, aber in einfacherer Architektur“, sagt ein Banker.
Die Schrumpfkur öffnet neuen Wettbewerbern die Tür. Hedge-Fonds und Private-Equity-Firmen stehen bereit, um Geschäft abzuziehen – etwa bei der Vergabe von Krediten. Der Finanzinvestor KKR hat bereits ein eigenes Team zusammengestellt, das auf die Suche nach institutionellen Investoren für seine eigenen Firmenbeteiligungen geht. Früher – in besseren Tagen – haben diesen Job Investmentbanken gemacht.

