In Hedge-Fonds stecken teilweise Milliardenbeträge, dennoch wissen die Investoren nicht, was genau mit ihrem Geld dort passiert. Der Kollaps von Amaranth demonstrierte, dass so auch smarte Anleger vor Schaden nicht geschützt sind. Ein Rezept gegen plötzliche Pleiten wird dringend gesucht.
LONDON. Es muss Spaß gemacht haben, für den Hedge-Fonds Amaranth zu arbeiten. Vom firmeneigenen Fitnessraum über die Computerspiele bis hin zum Musikstudio im Keller bot Amaranth-Gründer Nicholas Maounis seinen Händlern alles, was das Herz eines Arbeitnehmers begehrt. Die dankten ihm die Fürsorge mit hervorragenden Ergebnissen. Noch im August 2006 war Maounis’ Fonds neun Milliarden Dollar schwer. Banker schwärmten von 25 Prozent Rendite. Doch dann kam der Zusammenbruch, scheinbar über Nacht. Ausgerechnet Amaranth-Starhändler Brian Hunter hatte sich mit Erdgasoptionen verspekuliert und innerhalb weniger Tage den sagenhaften Betrag von sechs Milliarden Dollar verloren.
Der Kollaps von Amaranth schickte Schockwellen rund um die Welt. Denn hinter Hunter und Maounis standen nicht irgendwelche dubiosen Investoren, sondern das Who’s who der Finanzwelt. Auch die Deutsche Bank, Goldman Sachs und Morgan Stanley hatten Geld in den Hedge-Fonds gesteckt. Wie konnten solch smarte Anleger so falsch liegen?
„Das Problem war, dass Amaranth eigentlich viele verschiedene Strategien verfolgen sollte, um das Risiko zu streuen; stattdessen haben sie alles auf eine Karte gesetzt und ihr Engagement in hochriskanten Wetten auf dem Gasmarkt konzentriert“, klagt einer der ehemaligen Investoren. „Style Drift“ heißt dieses Risiko in der Fachsprache. Plötzlich beginnen Hedge-Fonds-Manager aus dem Ruder zu laufen. Sie tun Dinge, die sie eigentlich nicht tun sollten. Die Fonds beginnen Risiken anzuhäufen oder sich auf Märkten auszutoben, die sie nicht verstehen – und es gibt nur wenig, was die Investoren dagegen tun können.
Denn wie genau die Spekulanten ihr Geld verdienen, bleibt deren Berufsgeheimnis. Selbst Großinvestoren, die Millionen in einen Hedge-Fonds stecken, bleibt das Innerste der Geldmaschinen verschlossen. „Die Investoren müssen sich auf das verlassen, was die Fonds ihnen mitteilen wollen“, sagt Mehraj Mattoo, Chef des Bereichs Alternative Investments bei der Commerzbank.
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In der Regel melden die Fonds ihre Ergebnisse einmal wöchentlich an ihre großen Investoren. Doch eine Woche kann eine lange Zeit sein – Amaranth–Händler Hunter brauchte nur sechs Tage, um die Milliarden zu versenken. „Natürlich gab es bei Amaranth Warnzeichen, die man hätte erkennen können. Aber das Risiko eines verborgenen Strategiewechsels lässt sich nicht wegdiskutieren“, sagt François Barthelemy, der für F&C Partners in London ein Portfolio verschiedener Hedge-Fonds verwaltet.
Bislang vertrauen die Investoren vor allem auf zwei Gegenmittel gegen das plötzliche Abdriften: Erfahrung und Intuition. Zum Beispiel Ken Kinsey Quick: Der groß gewachsene Südafrikaner mit den breiten Schultern gehört zu den Veteranen der Hedge-Fonds-Branche. Seit zwölf Jahren arbeitet er in dem Geschäft mit dem schnellen Geld. Heute managt er für Thames River Capital vom vornehmen Londoner Stadtteil Mayfair aus einen Dachfonds, der Geld in viele verschiedene Hedge-Fonds investiert. Kinsey Quick sucht für seinen Warrior-II-Fonds nach neuen, unverbrauchten Ideen, die besonders attraktive Renditen versprechen, wie zum Beispiel den Handel mit Elektrizität. Solche Ideen bergen allerdings das Problem, dass es noch keine Standards und keinen jahrelangen Erfahrungsschatz gibt. Deshalb muss der Südafrikaner bei der Auswahl seiner Hedge-Fonds besondere Sorgfalt walten lassen.
Sein Team versucht, jeden einzelnen Fonds möglichst genau zu überprüfen: Wie sieht die Organisationsstruktur aus, wie funktioniert das Risikomanagement, wie sehen Zahlen und Renditen aus? „Aber am Ende erzählen einem quantitative Analysen nur, wie gut der Fonds in der Vergangenheit war, dass kann morgen schon ganz anders aussehen“, sagt Kinsey Quick.
Der Südafrikaner vertraut deshalb auf weiche Kriterien: „Drei Punkte sind zentral: die Erfahrung des Managements, die Leidenschaft, mit der die Fonds ihre Ideen verkaufen, und die Disziplin, mit der sie ihrer Strategie folgen.“ „Am Ende“, räumt der Dachfonds-Manager ein, „ist es eine Sache des Vertrauens.“
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Doch das reicht Commerzbank-Manager Mattoo nicht. Er will das Geheimnis der Hedge-Fonds mit wissenschaftlicher Hilfe knacken. „Wir brauchen einfach mehr Transparenz“, sagt er. Deshalb ist die Commerzbank eine Partnerschaft mit den Wissenschaftlern des Londoner Imperial College eingegangen und baut ein eigenes Team aus Physikern und Mathematikern auf. Ziel des Projekts ist es, quantitative Modelle zu entwickeln, die Tag für Tag zeigen, wo und wie Hedge-Fonds tatsächlich Geld verdienen oder verlieren. Ihren Hedge-Fonds–Forschern und den Wissenschaftlern des Imperial College will die Commerzbank völlig freie Hand lassen. „Uns geht es nicht um schnelle Ergebnisse, wir suchen nach einer profunden und tragfähigen Lösung“, macht Mattoo klar.
„Die Fonds agieren an Märkten, deren Daten verfügbar sind. Wenn man diese Daten richtig aufbereitet und analysiert, muss das Bild klarer werden“, erläutert Mattoo. Die Basis für die Grundlagenforschung der Commerzbank bilden so genannte neuronale Netze – ein Forschungszweig der künstlichen Intelligenz, der sich mit Computersystemen beschäftigt, die die Funktionsweise des menschlichen Gehirns simulieren. „Neuronale Netze helfen, relevante Kennziffern aus dem Hintergrundrauschen großer Datenmengen herauszufiltern“, sagt Mattoo. „Das ist enorm wichtig, wenn man die gut 300 Märkte verfolgen will, auf denen Hedge-Fonds aktiv sind.
Vielleicht stoßen die Commerzbank-Wissenschaftler bei ihren Forschungen schon bald auch wieder auf den Namen Maounis. Kaum fünf Monate nach der Milliardenpleite von Amaranth denkt der bereits über die Neuauflage eines Hedge-Fonds nach. Das nennt man wohl Unternehmergeist.
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Boombranche mit Tradition
Rasanter Aufstieg:
Hedge-Fonds gibt es schon sehr lange. 1949 wurde der erste vom amerikanischen Journalisten Alfred Winslow Jones gegründet. Doch ihren Durchbruch erlebten die spekulativen Fonds erst in den 90er-Jahren. Seither ist die Zahl der Fonds regelrecht explodiert. Heute verwalten über 10 000 Hedge-Fonds weltweit ein Vermögen von geschätzten 1,4 Billionen Dollar.
Bunte Mischung:
Hedge-Fonds können auch bei fallenden Kursen Geld verdienen und bedienen sich einer Vielzahl von Investmentstrategien. Sie engagieren sich an Devisen-, Aktien-, Anleihe- und den entsprechenden Terminmärkten. Die Fonds wetten aber auch auf Rohstoffe, spekulieren mit Wetterderivaten oder setzen auf den Trend hin zu alternativen Energien.
Risikostreuung:
Die meisten Großinvestoren investieren in Hedge-Fonds, weil sie das Risiko in ihren Portfolios breiter streuen wollen. Von den spekulativen Fonds erwarten sie Risiken und Erträge die unabhängig von den generellen Entwicklungen am Aktienmarkt sind. Im vergangenen Jahr erzielten die Hedge-Fonds eine Rendite von rund 14 Prozent.

