Techniker Krankenkasse-Chef: „Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen“

Techniker Krankenkasse-Chef „Wir dürfen uns nicht in Sicherheit wiegen“

Die Krankenversicherung hat mit 23,5 Milliarden Euro so viel wie noch nie auf der hohen Kante. Eine der Kassen, die gut dastehen, ist die Techniker Krankenkasse. Was sagt ihr Chef über die Zukunft der Versicherungen?
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BerlinDie gesetzliche Krankenversicherung schwimmt im Geld. Zu einem Finanzpolster von 14 Milliarden Euro bei den einzelnen Krankenkassen kommt nach den jüngsten Zahlen eine Reserve von rund 9,5 Milliarden beim Gesundheitsfonds, der Geldsammelstelle der Kassen. Eine der erfolgreichsten Versicherungen ist die Techniker Krankenkasse (TK). Ihr Vorstandschef Jens Baas warnt im Interview davor, die guten Zeiten ungenützt verstreichen zu lassen.

Sie wollen Ihren Mitgliedern 2013 eine Prämie von 80 Euro ausschütten. Rennen die Leute Ihnen jetzt die Türe ein?

Baas: „Bereits 2012 haben wir ohne Prämie fast 300 000 Versicherte dazugewonnen. Eine ähnliche Größenordnung erwarten wir auch für 2013. Die Versicherten lassen sich zwar abschrecken, wenn eine Krankenkasse einen Zusatzbeitrag erhebt, aber die wenigsten wechseln zu einer Kasse nur wegen der Ausschüttung einer Prämie.“

Nach den ersten Zusatzbeiträgen bei der DAK und anderen kommt jetzt ein Jahr mit Prämien. Können die Kassen mit diesen Instrumenten ausreichend auf die finanziellen Schwankungen reagieren?

Baas: „Nein, die Instrumente funktionieren nicht. Wenn heute eine Kasse einen Zusatzbeitrag erhebt, verliert sie mehr Kunden, als es angemessen wäre. Hätten alle Kassen Zusatzbeiträge, könnte es funktionieren, dann könnten die Menschen Kassen mit unterschiedlichen Beiträgen und Leistungen vergleichen. Es war ein großer Fehler der Politik, den Beitragssatz auf 15,5 Prozent hochzusetzen. Man hat den Versicherten in den vergangenen Jahren zu viel Geld abgenommen. Deshalb sieht es jetzt so aus, als ob viel Geld da wäre.“

Die Krankenversicherung hat 23,5 Milliarden Euro Reserven. Die Kassen schwimmen im Geld. Was kann aus Kassensicht daran falsch sein?

Baas: „Es gibt eine Überausstattung der Krankenkassen mit Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds, die die wahre Lage verschleiert. Die Kassen bekommen derzeit mehr Geld aus dem Fonds, als sie im Schnitt bräuchten. Würden die Zuweisungen die Ausgaben der Kassen nur zu 100 Prozent decken, wie das eigentlich vorgesehen ist, dann wären viele bereits heute im Minus.“

Warum stehen einzelne Kassen vergleichsweise schlecht da?

Baas: „Viele Krankenkassen haben nichts an ihren Kosten gemacht. Wir haben als Techniker Krankenkasse beispielsweise Verwaltungskosten von 105 Euro pro Versicherten. Das geht bei anderen Kassen bis zu 160 Euro hoch. Auch an den Leistungsausgaben muss man arbeiten, das wird aber nicht überall konsequent gemacht.“

Wann spüren die Versicherten, dass die Lage bei einzelnen Kassen weniger rosig ist als es derzeit scheint?

Baas: „Auch 2014 kann die Politik die Versicherten noch vor Zusatzbeiträgen auf breiter Front bewahren. Es sind dann noch genug Reserven im Gesundheitsfonds, um die Zuweisungen per Gesetz so zu erhöhen, dass Zusatzbeiträge vermieden werden können.“

Also muss man sich angesichts des Finanzpolsters keine Sorgen machen?

Baas: „Im Gegenteil. Spätestens 2015 schlägt die Stunde der Wahrheit. Aber wir sollten nicht bis dahin warten, um dann zu sagen: Jetzt ist das Geld weg, jetzt müssen wir plötzlich umsteuern. Viele tun so, als gäbe es keinen Handlungsdruck. Das ist eine gefährliche Situation. Es besteht die Gefahr, dass wir uns in scheinbarer Sicherheit wiegen. Die aktuelle Phase müsste genutzt werden, um strukturelle Reformen anzugehen.“

Was wird denn Ihrer Ansicht nach versäumt?

Baas: „Die großen Probleme müssten angegangen werden, etwa das Überangebot an Klinikbetten und die schlechte Verteilung der Ärzte in Deutschland. Doch stattdessen lässt man die Leistungsausgaben überall steigen. Begehrlichkeiten von Kliniken, Ärzten und Pharmabranche werden bedient. Die beschlossene neue Planung von Arztsitzen dürfte mehr kosten. Auch bei Plänen für mehr Gesundheitsvorsorge will die Politik den Kassen Geld entziehen.“

Was sollte stattdessen geschehen?

Baas: „Die Kassen brauchen wieder Beitragsautonomie. Es funktioniert einfach besser mit Unternehmen, die über den Preis bestimmen können und wissen, was für ihre Versicherten am besten ist. Wir brauchen mehr Freiheit im Wettbewerb und bei den Verträgen mit Kliniken und Ärzten.“

Im Bundestagswahlkampf dürfte auch die privaten Krankenversicherung (PKV) eine Rolle spielen - welche Zukunft sehen Sie für die PKV?

Baas: „Die PKV passt nicht in unser System. Wir sollten sie abschaffen. Das müsste auf einen Schritt geschehen. Es dürften dann keine neuen Kunden mehr zur PKV. Wer dort bereits versichert ist, sollte bleiben dürfen oder seine Altersrückstellungen mitnehmen können zu einer gesetzlichen Kasse. Die privaten Versicherungen sollten dann noch Zusatzversicherungen anbieten dürfen. Die gesetzlichen Kassen müssten die Ärzte dann höher bezahlen, wenn diese nicht mehr höheres Honorar von der PKV bekommen. Profitieren würden Ärzte auf dem Land, die wenig Privatpatienten haben - zu Lasten von Ärzten in Städten und Ballungsräumen.“

 

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  • Gesetzlich Versicherte wissen gar nicht wie gut es ihnen geht. Mit einer PKV Versicherung ist man auf Gedeih und Verderb einem nicht kalkulierbaren System ausgeliefert, dessen Fehlplanungen den Versicherten über kurz oder lang in Armut bringen kann. Wo gibt es Weltweit ein System aus dem Versicherte trotz finanzieller Notlage nicht heraus kommen können. Wo ist den hier die Politik um solch ein Menschenverachtendes System abzuschaffen. Das ganze funktioniert nur als Beamtensystem mit hoher Bezuschussung durch Staatsgelder von der Allgemeinheit. Warum sollen nicht Beamte in einem System gefangen bleiben, und im Rentenalter Sozialhilfe beantragen müssen, um ihre Krankenkassenbeiträge zu bezahlen. Das ganze verstösst gegen die Menschenwürde. Könnten die PKV Versicherten selbst entscheiden, wäre PKV am Ende.

  • Insbesondere die TK-Vorstände und Führungskräfte bedienen
    sich an den Beiträgen der Mitglieder am meisten.

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