In einer turbulenten Hauptversammlung haben Aktionärsvertreter den Aufsichtsrat der Deutschen Industriebank IKB heftig kritisiert. Aufsichtsratschef Hartmann musste sich laute Buh-Rufe gefallen lassen, weil er die Redezeit der Kleinaktionäre beschränkt hatte.
Der Vorstandvorsitzende der IKB, Günther Bräunig (l), und Aufsichtsratschef Ulrich Hartmann stehen in der Kritik. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Besonders laut wurde es im Saal des Düsseldorfer Congress Centers, als der Aufsichtsratsvorsitzende der IKB, Ulrich Hartmann, dem Würzburger BWL-Professor Ekkehart Wenger das Wort entzieht. Drei Minuten hatte der berüchtigte Hauptversammlungsbesucher, um die die Beinahe-Pleite der IKB als Komplott auf höchster politischer Ebene aufzudecken. Zuvor hatte Hartmann die Redezeit von zehn auf zwischenzeitlich fünf und dann drei Minuten beschränkt. Die Aktionäre im Saal reagierten mit "Hartmann-raus"-Rufen. Bereits wenige Minuten zuvor hatte ein Kleinaktionär den selbst für Krisenversammlungen ungewöhnlichen Antrag gestellt, den Versammlungsleitenden Hartmann abzuwählen, war damit aber gescheitert.
Aufsichtsratschef Hartmann hatte in seiner Eingangsrede nicht nur vorgeschlagen, die Entlastung des Vorstandes zu vertagen, sondern auch die des Aufsichtsrates. Bis dahin solle eine Sonderprüfung klären, wer für das finanzielle Desaster der IKB durch risikoreiche Investments auf dem US-Hypothekenmarkt verantwortlich ist. Der Aufsichtsrat reagierte damit auf die wachsende Kritik der vergangenen Wochen, nicht eher auf den Vorstand eingewirkt zu haben und so das finanzielle Desaster der Bank möglicherweise hätte abwenden können.
Die IKB war die erste Bank in Deutschland, die im Juli vergangenen Jahres in den Sog der Hypothekenkrise geraten war. Die Bank hatte sich mit ihren Engagements schwer verspekuliert. Mit ihren Zweckgesellschaften Rhineland Funding und Rhinebridge hatte die IKB umfangreiche außerbilanzielle Risiken aufgebaut. Nur durch mehrere Rettungspakete von KfW und anderer Banken wurde die IKB vor der Pleite gerettet.
Aufsichtsratschef Hartmann machte abermals deutlich, dass die alleinige Schuld bei der mittlerweile geschassten Vorstandsriege liege. Die habe den Aufsichtsrat zu spät und nur unzureichend über die Risiken und Probleme der Bank informiert. Aktionärsvertreter und Kleinaktionäre attackierten den Aufsichtsrat in ersten Wortbeiträgen heftig. Hans-Richard Schmitz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) nannte die IKB eine Amateur-Truppe aus der Provinz, die versucht habe Champions League zu spielen und dabei ordentlich abgewatscht wurde. An Aufsichtsratschef Hartmann gewandt sagte der Aktionärsvertreter, es bedürfe einer gewissen Qualifikation, die richtigen Fragen zu stellen. Der Aufsichtsrat habe in seiner Funktion versagt.
Für großen Unmut bei den Aktionären sorgte die Beschränkung der Redezeit auf zunächst zehn Minuten. „Wenn Sie den Vorstand nur halb so gut kontrolliert hätten wie die Einhaltung der Redezeit, dann wäre das Desaster nie passiert“, sagte eine Aktionärin unter lautem Beifall im vollständig besetzten Congress Center in Düsseldorf. Wenig später wurde die Redezeit auf drei Minuten reduziert. Hartmann ermahnte die Aktionäre, man müsse gut vorankommen, um die für die IKB lebensnotwendige Kapitalerhöhung zu beschließen.
IKB-Chef Günther Bräunig kündigte an, die Bank werde nach dem Scheitern des Gesamtverkaufs eines risikoreichen Wertpapierportfolios vor einer Woche, diese Titel tranchenweise über den Markt verkaufen. So soll der Verkauf der Kernbank, der mit diesem rund drei Mrd. Euro schweren Portfolio als unmöglich gilt, doch noch realisiert werden. Den Bietern für die Kernbank sei für eine Analyse der Bank (Due Diligence) der Datenraum vergangene Woche geöffnet worden. Im April werde der Vorstand den Interessenten in Präsentationen die Bank noch einmal vorstellen.
Beim Neugeschäft habe man in den ersten elf Monaten des schwierigen Geschäftsjahres 2007/08 das Niveau des Geschäftsjahres 2005/06 erreicht. Daher sei er überzeugt, dass die Bank für Bieter eine attraktive Plattform sei. Dazu sei allerdings die beantragte Kapitalerhöhung um 1,5 Mrd. Euro dringend nötig, warb er um die Zustimmung der Aktionäre. Er dämpfte aber Hoffnungen, die Bank stehe dann vor einer schnellen Erholung. Nach einem Minus von 800 Mill. Euro in diesem Geschäftsjahr werde die Bank mit einem „niedrigen Ertragsniveau“ leben müssen. Dividendenzahlungen seien daher auf absehbare Zeit nicht zu rechnen.
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Auch mehr als ein halbes Jahr nach der Entdeckung von massiven Fehlspekulationen bei der Mittelstandsbank IKB ist das ganze Ausmaß des Schadens noch nicht genau überschaubar. Im Kern geht es dabei um Verluste durch die von der IKB betreute US- Zweckgesellschaft Rhineland Funding, Verluste durch riskante Papiere in der IKB-Bilanz selbst und zudem um Verluste durch den massiven Kursabsturz der IKB-Aktien.
30. Juli 2007:
Die KfW übernimmt alle Rechte und Pflichten aus einer Liquiditätslinie, die die IKB der Zweckgesellschaft Rhineland Funding gegeben hatte. Das Volumen wird von der KfW in einem Schreiben an die US-Börsenaufsicht mit etwa 8,1 Mrd. Euro angegeben.2. August 2007:
Die IKB teilt mit, dass die KfW nicht nur alle Risiken aus Rhineland Funding, sondern darüber hinaus weitere erwartete mögliche Verluste aus riskanten Bilanzpositionen der IKB in Höhe von einer Milliarde Euro übernehmen wird.15. August 2007:
Die KfW schätzt in einem Bericht an die US- Aufsicht das Potenzial des möglichen Verlustes aus der Risikoabschirmung der IKB auf 2,5 Mrd. Euro und bildet dafür eine Rückstellung. Später wird die Risikovorsorge auf 4,8 Mrd. Euro aufgestockt.16. August 2007:
Der inzwischen gebildete Bankenpool aus KfW, öffentlichen und privaten Banken einigt sich auf eine Aufteilung der Kosten für die Risikoabschirmung der IKB bezüglich Rhineland Funding sowie weiterer direkter Investments der IKB in strukturierte Kreditderivate. Demnach trägt die KfW 70 Prozent der Lasten, 30 Prozent übernehmen die übrigen Banken. Dabei sollten die Kosten für die übrigen Banken zunächst auf eine Milliarde Euro begrenzt sein.28. November 2007:
Der Bankenpool einigt sich auf die Übernahme von rund 520 Mill. Dollar (350 Mio Euro) weiterer Risiken bei der IKB, die bislang nicht unter den Risikoschirm gefallen sind. Dabei handelt es sich um Zusagen, die die IKB dritten Banken gegeben hatte, wenn diese Geld an Rhineland Funding geben. Diese Rückversicherung lief unter dem Namen Havenrock. Rund 43 Prozent dieser Summe trägt die KfW, den Rest die übrigen Banken. In der Folge weist der Fonds für allgemeine Bankrisiken der KfW nur noch 350 Mill. Euro auf.31. Dezember 2007:
Die KfW muss den Wert ihres IKB-Pakets angesichts des Kursabsturzes der IKB-Aktie teilweise abschreiben. Die Aktie war von zeitweise mehr als 30 Euro auf rund sechs Euro zum Jahresende abgestürzt.7. Januar 2008:
Die KfW übernimmt im Rahmen der Umsetzung der jüngsten Risikoabschirmung eine von der IKB emittierte Aktienanleihe im Volumen von 54,3 Mill. Euro. Der Anteil der KfW an der IKB könnte sich damit von 37,8 auf 43,4 Prozent erhöhen. Zwei Tage später wird auch der Rest der jüngsten KfW-Zusage durch Verträge umgesetzt.13. Februar 2008:
Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) und Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) teilen nach einer Krisensitzung des KfW-Verwaltungsrats in Berlin mit, dass die IKB weitere 1,5 Mrd. Euro erhalten solle. Davon will der Bund eine Milliarde Euro aufbringen. Da die KfW 800 Mill. Euro als Verkaufserlös aus ihrem IKB-Anteil einplant, umfasst das Rettungspaket brutto sogar 2,3 Mrd. Euro.19. Februar 2008:
Die KfW gibt der IKB gemäß der Vereinbarung 600 Mill. Euro. Das Geld ist als Kredit ausgestaltet, wie die IKB in einer späteren Mitteilung berichtet.3. März 2008:
Die Suche nach einem Käufer für die IKB zieht sich in die Länge. Nach Informationen aus Finanzkreisen gibt es gut ein halbes Dutzend Interessenten. Zu Details und auch zum weiteren Zeitplan gibt es keine Angaben.20. März 2008:
Eine zweite Tranche aus dem Rettungspaket vom Februar wird an die IKB gezahlt. Nach den 600 Mill. Euro im Februar fließen nun noch einmal 450 Mill. Euro, heißt es in einer IKB-Mitteilung. Die übrigen 1,25 Mrd. Euro sollen dem Vernehmen nach für die geplante große Kapitalerhöhung bei der IKB zur Verfügung stehen, durch die die KfW auf etwa 90 Prozent der Anteile kommen könnte. Zudem berichtet die IKB, sie erwarte zusätzliche 590 Mill. Euro Bewertungsverluste auf ihre Bestände und rechnet nunmehr für mehrere Geschäftsjahre mit keinen oder nur geringen Überschüssen.27. März 2008:
Hauptversammlung der IKB: Die KfW will die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat vertagen und einen Sonderprüfer einsetzen. Insgesamt wurden in den vergangenen Monaten mehr als acht Mrd. Euro zur Rettung der IKB bereitgestellt. Auf der Hauptversammlung sollen die Aktionäre auch eine Kapitalerhöhung beschließen.
