Die Weigerung der US-Regierung, der Investmentbank Lehman Brothers aus der Krise zu helfen, hat Finanzminister Henry Paulson Anerkennung aber auch harsche Kritik eingebracht. Paulson verhindere zwar einerseits, dass die amerikanischen Finanzinstitutionen automatisch auf den Staat als Retter in letzter Not setzen könnten. Andererseits sei sein Kurswechsel ein höchst riskantes Spiel.
Kritiker werfen US-Finanzminister Henry Paulson ein riskantes Spiel im Umgang mit Lehman Brothers vor. Foto: Reuters
WASHINGTON. Von der „schlimmsten Finanzkrise seit der Großen Depression“ sprach der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama und gab der Wirtschaftsphilosophie unter George W. Bush dafür die Schuld.
Finanzexperte Desmond Lachman vom konservativen American Enterprise Institut (AEI) sagte: „Paulson spielt mit dem Feuer. Lehman im Stich zu lassen kann die Krise enorm beschleunigen.“ Die Banken seien untereinander viel zu eng verflochten, als dass ein Bankrott von Lehman nicht andere Institute mit in Tiefe ziehen würde. „Und am Ende muss die Regierung dann doch wieder einspringen und die nächsten Krisenkandidaten retten.“ Mit den Versicherern AIG und Washington Mutual sowie der Bank Wachovia zeichneten sich die nächsten Problemfälle bereits deutlich ab. „Jetzt ist der falsche Zeitpunkt, um moralische Standards hochzuhalten“, sagte Lachman dem Handelsblatt.
Der liberale Paul Krugman, Professor an der Universität in Princeton, kritisiert, dass auch ein halbes Jahr nach dem Debakel um Bear Stearns Regierung und Märkte unvorbereitet seien. „Vor sechs Monaten wurde nach einem Mechanismus gerufen, mit dem kollabierende Finanzinstitutionen ordnungsgemäß abgewickelt werden können", schrieb Krugman in seiner jüngsten Kolumne. „Doch wo ist dieser Mechanismus?“
Ähnlich argumentierte auch der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama, der die Krise gestern als „große Bedrohung“ für die amerikanische Volkswirtschaft bezeichnete. „Während der letzten acht Jahre wurde der Konsumentenschutz vernichtet, es wurde auf Kontrollen verzichtet aber gleichzeitig kassierten die Firmenchefs völlig überzogene Sonderzahlungen.“ Dabei seien die Bedürfnisse der Mittelklasse jedoch ignoriert worden.
Obama sagte ausdrücklich, dass er für die aktuellen ökonomischen Probleme nicht seinen republikanischen Rivalen John McCain verantwortlich mache. „Aber ich gebe der Wirtschaftsphilosophie, für die er steht, die Schuld.“ McCain propagiere das Modell der letzten acht Jahre. Danach werde den Reichen immer mehr gegeben in der Hoffnung, dass dann von oben etwas nach unten durchsickere. John McCain sprach sich gegen eine steuerfinanzierte Finanzspritze für Lehman Brothers aus. Allerdings kündigte auch er an, dass es unter seiner Präsidentschaft zu einer grundlegenden Reform des Finanzmarktes kommen werde.

