Es ist der 22. Juni 2006, als die Welt der Allianz aus den Fugen gerät. Traditionelle Standorte wie Köln, Frankfurt und Nürnberg sollen ganz oder teilweise schließen. Konzernchef Michael Diekmann ordnet das Deutschlandgeschäft des Versicherers neu, die Zahl der Verwaltungsstandorte soll von 21 auf zehn sinken. Von „schmerzlichen, aber notwendigen Schnitten“ ist die Rede, nur so lasse sich Wettbewerbsfähigkeit sichern.
Weil der Konzern aber Rekordgewinne erwirtschaftet und auch das deutsche Versicherungsgeschäft 2006 einen Überschuss von 1,7 Milliarden Euro einfährt, haben die Mitarbeiter nicht das geringste Verständnis für den damit verbundenen Abbau von 5 700 Vollzeitstellen.
Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi spricht von „unmoralischem“ und „wirtschaftlich unsinnigem“ Handeln. Allianzler legen die Arbeit nieder, tragen ihren Protest auf die Straße. „Die Härte, mit der der Umbau verkündet wurde, war überraschend. Das kannten wir so von der Allianz nicht“, erinnert sich Thomas Kroschwitz, Betriebsratschef in Frankfurt. Fortan beschäftigt die Belegschaft nur noch eins: Wer darf bleiben, wer muss gehen? Allen ist klar: Wer nicht flexibel ist, hat schlechte Karten.
„Viele haben geweint“
„Es war ein Schock. Viele haben geweint“, erzählt Gundula Carstens. Soeben kommt die 48-Jährige aus einer Schulung. Hier, in der Konferenzzone der Allianz im „Treptower“, hängen blau leuchtende Kunstinstallationen an der Wand, verbreiten aus Lautsprechern Walgesänge unwirkliche Stimmung. Doch Abtauchen ist nicht gefragt. „Ich denke immer vorwärts“, lacht Carstens. Sie gestikuliert, hat rote Wangen. Für ein Nordlicht ist die Bremerin sehr gesprächig, weniger fröhlich als aufgekratzt – sie versucht, in der Veränderung die Chance zu sehen.
Ihr Leben als Sachbearbeiterin Interne Dienste in Bremen gehört der Vergangenheit an. Ein neuer Job? Eine neue Stadt? Warum nicht, sagte sich die Mutter zweier erwachsener Kinder. „Da bin ich pragmatisch.“ Künftig arbeitet sie im zentralen Posteingangszentrum der Allianz in Berlin. In einer Schulung hat Carstens unter anderem gelernt, wie sie mit Röntgenbildern und Sterbeurkunden, mit Rechnungen und Kündigungsschreiben, mit allen Arten von Post, die bei der Allianz ankommt, umzugehen hat. Was lässt sich scannen, was nicht? Wo ist mit Tipp-Ex korrigiert, manipuliert worden? Was muss sie als „eilt“ klassifizieren? Beispielsweise Briefe mit Formulierungen wie „Sehe ich mich gezwungen“ und „Stelle ich Strafanzeige“.
Seit dieser Woche wenden Gundula Carstens und Harald Kokula an, was sie gelernt haben. Das Allianz-Dienstleistungsgebiet Nord-Ost mit den Standorten Berlin und Leipzig nahm am Montag die Arbeit auf. Der Realitätstest hat begonnen. Nach Umschulungen und zahlreichen Probeläufen, in denen die Mitarbeiter die neue Allianz monatelang simulierten, Kunde und Sachbearbeiter spielten, Mängel im IT-System ausmerzten, sollen sie zeigen, dass sie das angestimmte Mantra des Managements nicht nur nachbeten, sondern auch mit Leben füllen können: alles zum Wohl des Kunden – und der Rendite.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Warum die Visionen der Konzernspitze nicht überall auf Gegenliebe stoßen.

