An der Wall Street hat die nächste Entlassungsrunde begonnen. Nachdem sich die Hoffnungen auf eine Erholung des Geschäfts als trügerisch herausgestellt haben, ziehen immer mehr Kreditinstitute die Notbremse. Experten fürchten eine ähnliche Welle in Europa.
Bislang hat die Entlassungswelle die Wall Street härter getroffen als Europas Finanzplätze. Foto: dpa
NEW YORK/LONDON. Der von der Krise geplagte US-Bankenkoloss Citigroup
werde in dieser Woche einige Tausend weitere Kündigungsschreiben verschicken und jede zehnte Stelle im Investment-Banking streichen, berichtete das "Wall Street Journal" gestern unter Berufung auf informierte Kreise. Die Hälfte der anvisierten Zahl von 6 000 Investmentbankern habe den Konzern bereits verlassen, hieß es in Unternehmenskreisen.
Citi hat bisher gut 10 000 seiner weltweit 370 000 Arbeitsplätze abgebaut und damit in erster Linie auf die Milliardenverluste im Kreditgeschäft reagiert. Jetzt sind angesichts des flauen Neugeschäfts andere Konzernteile an der Reihe, insbesondere der Bereich Fusionen und Übernahmen (M&A). Weil Citi ganze Abteilungen schließen werde, erfasse die Kürzungswelle diesmal auch Dutzende von geschäftsführenden Direktoren, schreibt die US-Zeitung.
Auch andere Häuser reagieren auf die schwere Krise des Bankensektors mit der nächsten Personalabbaurunde. Während Bear Stearns
im Zuge der Notübernahme durch JP Morgan
wohl mehr als die Hälfte ihrer 14 000 Mitarbeiter verlieren wird, sieht sich Lehman Brothers
ebenfalls zu tiefen personellen Einschnitten gezwungen: Das viertgrößte US-Wertpapierhaus hat die Zahl seiner Stellen bereits um 18 Prozent reduziert. Einem Bericht der "Financial Times" zufolge hat zudem Goldman Sachs in der Vorwoche mit dem Verteilen von "pink slips" (Kündigungsschreiben) begonnen. Wegen des Rückgangs im M&A-Geschäft wolle die Firma bis Jahresende zehn Prozent ihrer Jobs im Investment-Banking streichen, schreibt das Blatt.
Goldman Sachs steckte die Kreditkrise bislang weit besser weg als die Wettbewerber und legte im zweiten Quartal mehr als zwei Mrd. Dollar Gewinn vor. Dass auch der erfolgreichste Spieler der Branche zu derartigen Sparmaßnahmen greift, ist Branchenexperten zufolge ein schlechtes Omen: "Ich bin mir sicher, dass wir eine Fortsetzung der Entlassungswelle sehen werden", warnt ein Londoner Personalberater: "Viele Banken stellen sich jetzt auf eine längere Durststrecke ein."
Bislang hat die Entlassungswelle die Wall Street härter getroffen als Europas Finanzplätze, obwohl die Banken dort stärker unter der Kreditkrise leiden als die US-Konkurrenz. Aktuellen Daten des Institute of International Finance zufolge mussten Banken weltweit bislang 387 Mrd. Dollar abschreiben. Obwohl das Zentrum der Subprime-Krise am US-Immobilienmarkt liegt, entfielen 200 Mrd. der Abschreibungen auf europäische Häuser und "nur" 166 Mrd. auf US-Institute. Trotz dieser Statistik greifen die US-Banken mit Blick auf Entlassungen härter durch: Sie haben bisher den Abbau von rund 40 000 Stellen angekündigt, während bei europäischen Geldhäusern 15 000 Stellen auf dem Spiel stehen.
Nach Einschätzung von Personalberatern haben sich Europas Banken mit einem Personalabbau noch zurückgehalten, solange sie an eine Erholung ihres Geschäfts noch in diesem Jahr glaubten. Dieser Glaube gehe allerdings gerade verloren - womit die Gefahr bestehe, dass die Entlassungswelle auch in Europa an Fahrt gewinnt.

