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27.05.2008 
JP-Morgan-Chef Jamie Dimon

„Wie bei der 101. Luftlandedivision“

von Lisa Kassenaar und Elizabeth Hester

JP-Morgan-Chef Jamie Dimon gilt als Staatsmann der modernen Hochfinanz und mit der Übernahme der Investmentbank Bear Stearns macht er sein Meisterstück. Das Paradoxe dabei: Er und seine Bank verdanken ihre starke Position gerade dem Verbrauchergeschäft, den Bankfilialen und der Ausgabe von Kreditkarten – und nicht dem Geschick im Investment-Banking oder als Wertpapierhändler.

JP-Morgan-Chef Jamie Dimon bei einer Konferenz in Washington: Staatsmann der modernen Hochfinanz. Foto: ReutersLupe

JP-Morgan-Chef Jamie Dimon bei einer Konferenz in Washington: Staatsmann der modernen Hochfinanz. Foto: Reuters

NEW YORK. Jamie Dimon wühlt in dem blauen Papierkorb unter seinem Mahagoni-Schreibtisch und taucht dann mit einem Bündel Papiere auf. "JP Morgan Chase & Co. Vertraulich" steht darauf. In dem Dutzende Seiten starken Dokument, das der Vorstandschef täglich erhält, werden die Fortschritte bei der Integration der angeschlagenen Investmentbank Bear Stearns protokolliert. Dimon hatte sie Mitte März für 1,3 Mrd. Dollar übernommen. 5 000 Menschen arbeiten an dem Projekt, sagt der 52-Jährige.

Er blättert, überfliegt ellenlange, mit Zahlen gespickte Kolonnen. Seine Leute hätten ausgeknobelt, welche der zusammen rund 700 Computerprogramme von Bear Stearns und JP Morgan die Bank künftig nutzen wird, erklärt er. Er selbst hat über 60 Immobilien-Standorte von Bear Stearns besucht. "Das ist wie bei der 101. Luftlandedivision", sagt Dimon. "Wir haben die Panzer, die Flugzeuge, den Nachschub, die Logistik, die Hubschrauber - wenn ich über die Fähigkeit rede, ein Geschäft durchziehen zu können, dann meine ich genau das."

Niemand bezweifelt, dass Dimon fähig ist, eine Fusion zu managen. An der Wall Street ist der Enkel eines griechischen Einwanderers und Sohn eines arrivierten Aktienhändlers wohl die Person, die man am ehesten als Staatsmann der modernen Hochfinanz bezeichnen könnte. Und mit der Übernahme der Investmentbank Bear Stearns macht er sein Meisterstück. Das Paradox dabei: Er und seine Bank verdanken ihre starke Position gerade dem Verbrauchergeschäft, den Bankfilialen und der Ausgabe von Kreditkarten - und nicht dem Geschick im Investment-Banking oder als Wertpapierhändler.

"Wir nennen sie JP Morgan, und die Leute denken entsprechend an eine Investmentbank", sagt Peter Sorrentino, leitender Portfolio-Manager bei Huntington Asset Advisors in Cincinnati. "In Wahrheit handelt es sich jedoch um Chase Manhattan, eine auf das Massengeschäft ausgerichtete Bank."

Der Konzern beschäftigt 181 000 Angestellte und ist hinter Citigroup und Bank of America gemessen an der Bilanzsumme das drittgrößte Finanzinstitut der USA. Das Einlagenvolumen verschafft der Bank den zweiten Platz unter den US-Verbraucherbanken, sie ist der zweitgrößte Kreditkarten-Anbieter des Landes. 2007 erzielte die Bank einen Gewinn von 15,4 Mrd. Dollar, bei einem Rekorderlös von 71,4 Mrd. Dollar.

Die vergangenen drei Jahre verbrachte Dimon vor allem damit, JP Morgan zu rationalisieren und ein solides Risikomanagement aufzubauen - eine "Bilanzfestung" zu errichten, wie er sagt. Ausgezahlt hat sich das in Zeiten der Finanzkrise. Seit Anfang 2007 hat die Bank nur 9,8 Mrd. Dollar an mit Hypotheken in Verbindung stehenden Darlehen und Hochzinskrediten abgeschrieben, die Vorsorge für künftige Verluste bereits inklusive. Damit entfällt nur ein Bruchteil der 381 Mrd. Dollar an Belastungen, die im Zug der Kreditkrise bisher in der Finanzbranche weltweit angefallen sind, auf Dimons Bank. Merrill Lynch und Citigroup beispielsweise mussten jeweils mehr als 30 Mrd. Dollar abschreiben.

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