Dimon behält die Übersicht über sein Geschäft mit Hilfe eines Notizzettels in seiner Brusttasche. Ehemalige Mitarbeiter berichten, dass das Blatt zwei Spalten besitzt: "Dinge, die ich für jemanden tun muss" und "Dinge, die jemand für mich tun muss". "Er benutzt das Papier, bis jeder Quadratzentimeter voll steht und es alt und verknittert ist", sagt Michael Welborn, ein früherer Mitarbeiter Dimons bei Bank One. "Es ist unglaublich, wie er gleichzeitig Details und das Gesamtbild erfasst."
Das Büro des JP-Morgan-Chefs - der in Personalunion die Rolle des Chairman, Präsidenten und Vorstandschefs erfüllt - liegt im achten Stock des Firmensitzes an der Park Avenue. In einer Ecke steht eine bronzefarbene Nachbildung der Freiheitsstatue mit einer elektrisch beleuchteten Fackel. Im Zimmer nebenan hängt ein Glasschrank mit zwei Pistolen. Sie stammen aus einem Duell im Jahr 1804, bei dem Aaron Burr, der Gründer des Chase-Manhattan The Manhattan Co., -Vorläufers den ersten Finanzminister der USA, Alexander Hamilton, tödlich verletzte. Und aus dem Fenster fällt der Blick auf das Bear-Stearns-Gebäude auf der anderen Straßenseite.
Den ersten Hilfeschrei seines Nachbarn Bear Stearns
hörte Dimon am Donnerstag, dem 13. März. Er saß zu diesem Zeitpunkt in einem griechischen Restaurant und feierte mit der Familie seinen 52. Geburtstag. Alan Schwartz, der zwei Monate zuvor zum Vorstandschef von Bear Stearns
ernannt worden war, rief an und erklärte Dimon, die Kunden zögen in Massen ihr Geld ab und er brauche Hilfe. Sonst müsse er am nächsten Tag Insolvenz anmelden.
"Was in diesen zehn Tagen passiert ist, wird mir wahrscheinlich nie mehr in meinem Leben zustoßen", sagt Dimon. Der Druck, einen Kompromiss zu finden, sei enorm gewesen - auf die Banker, die Börsenaufsicht, US-Finanzminister Henry Paulson und Fed-Chef Ben Bernanke. Es habe gegolten, eine "chaotische Auflösung des Finanzsystems" zu verhindern, wie Bernanke es ausdrückte.
"Wir standen am Abgrund. Man konnte es bei den Anrufen mitten in der Nacht spüren. Was tut man? Es droht ein katastrophales Risiko, und auch wenn die Wahrscheinlichkeit nur bei 15 Prozent liegt, will man das lieber nicht testen." Weiter sagt er: "Für mich ging es vor allem um das, was schief gehen konnte, das Risiko. Ich glaube jedoch, dass JP Morgan
eine Verpflichtung unserem Land gegenüber hatte."
Just an dem Wochenende, als über 200 seiner Banker mit Hochdruck das Bear-Stearns-Geschäft vorbereiteten, waren andere JP-Morgan-Leute im 3 000 Meilen entfernten Seattle dabei, die Bücher der größten US-Sparkasse, Washington Mutual, zu durchleuchten. Diese Übernahme scheiterte zwar. Doch Dimon ist weiter entschlossen, die Stellung von JP Morgan
auch als Verbraucherbank auszubauen.
Und wenn sich die Chance bietet, wird der JP-Morgan-Chef wieder seine 101. Luftlandedivision in Bewegung setzen.
Die Autorinnen sind Redakteurinnen der Nachrichtenagentur Bloomberg.

