Der Wertpapierhandel und insbesondere der Eigenhandel sind in den vergangenen Jahren für Banken immer wichtiger geworden. Doch wenn die Zeiten an den Börsen turbulenter werden, liegen auch die hoch bezahlten Eigenhandelsspezialisten schnell einmal falsch - mit schmerzhaften Folgen für die Bilanz. Das bekam auch die Deutsche Bank
zu spüren.
Handelssaal der Deutschen Bank in Frankfurt: Wer auf Risiko der Bank kauft und verkauft, steht ganz oben in der Hackordnung. Foto: dpa
FRANKFURT / LONDON. Der Handelssaal einer durchschnittlichen Investmentbank wirkt wie ein Muster an Demokratie - Reihe um Reihe uniformer Tische, an jedem Arbeitsplatz zwei bis vier Computerbildschirme, dazu ein paar Telefone. Doch hinter dem Bild, das so viel Individualität ausstrahlt wie eine Legebatterie, verbirgt sich eine subtile Hackordnung.
Die Basis der Pyramide bilden die Execution-Händler, deren Aufgabe vor allem darin besteht, Aufträge der Kundschaft in die Handelssysteme einzugeben. Dann kommen die Sales-Händler, deren Job es ist, Großanleger für Investmentideen zu begeistern. An der Spitze stehen aber, zumindest nach selbstbewusster Selbsteinschätzung, die Trader, die das Geld ihres Arbeitgebers riskieren - Eigenhändler, oder im altmodischen Bankendeutsch "Nostrohändler".
"Wir hacken nicht nur stupide Orders ins System. Eigentlich sind wir eher Investmentbanker, mit einem Gefühl für Märkte, Intuition und feinem Gehör für Gerüchte", so charakterisiert sich ein Exemplar der Spezies selbst. Das Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr. Der Wertpapierhandel und speziell der Eigenhandel hat in den vergangenen Jahren für die Banken enorm an Bedeutung gewonnen. Die Sache hat nur einen Haken: Wenn die Zeiten an den Börsen turbulenter werden, liegen auch die hoch bezahlten Eigenhandelsspezialisten schnell einmal falsch - mit schmerzhaften Folgen für die Bilanz.
Den letzten Diskussionsbeitrag zum Thema Eigenhandel hat die Deutsche Bank
geliefert. Als die Kurse an den Kapitalmärkten im Mai und Juni plötzlich anfingen verrückt zu spielen, wurden die Eigenhändler des deutschen Branchenprimus auf dem falschen Fuß erwischt und verloren 200 Millionen Euro. Skeptiker warnen, dass sich solche Verluste in den kommenden Monaten häufen könnten, wenn die Bedingungen an den Kapitalmärkten unberechenbarer werden.
Solche Warnungen sind allerdings alles andere als neu. Als die Investmentbanken nach der Jahrtausendwende bemerkten, dass der Technologieboom ein für alle Mal vorbei war und sich mit Übernahmen und Börsengängen nicht mehr viel verdienen ließ, mussten sich die Geldhäuser nach neuen Einnahmequellen umschauen. Der Handel mit Wertpapieren auf eigene Rechnung und eigenes Risiko war eines der neuen Wachstumsfelder.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie die Insitute mit dem Risiko spielen.
"Der Trend zu verstärktem Eigenhandel ist nicht mehr zurückzudrehen", erkannte Stan O?Neal, Chef der US-Bank Merrill Lynch
bereits vor drei Jahren. Und er fügte hinzu. "Der Markt wird überrascht sein, wie stabil diese Erträge sind."
Aber genau das bezweifeln die Skeptiker. Schon damals warnten Analysten angesichts von Zins- und Terrorrisiken vor einem Absturz. Goldman Sachs und die Deutsche Bank
mussten sich den Vorwurf gefallen lassen, nichts anderes als gigantische Hedge-Fonds zu sein. Andere Institute wie die Commerzbank
zogen sich weitgehend aus dem Eigenhandel zurück. "Wir wollten uns unabhängiger von stark schwankenden Gewinnen machen, die schnell in Verluste umschlagen können", begründet Vorstand Nicholas Teller die Entscheidung.
"Die Übernahme von Risiken gehört nun einmal zum Kerngeschäft einer Investmentbank" verteidigt sich ein Londoner Eigenhändler. Und selten seien die Institute so gut dafür bezahlt worden wie heute. Außerdem hätten neue Computer-Systeme und Rechenmodelle das Risikomanagement der Banken revolutioniert.
Ihr Risiko messen die Institute meist mit dem so genannten Value at Risk (VAR). Der VAR-Ansatz definiert den Verlust, der mit einer festgelegten Wahrscheinlichkeit (oft 95 oder 99 Prozent) innerhalb einer festgelegten Zeit (meist ein Handelstag) nicht überschritten werden darf. Jeden Tag ermitteln die Banken ihren aktuellen VAR. Daneben lassen die großen Häuser täglich Krisenszenarien wie die Kursreaktionen nach dem Terror des 11. Septembers oder nach dem Börsencrash von 1987 durchrechnen. Aber nicht nur durch Technologie, auch mit neuen Organisationsformen versuchen die Banken, Risiken zu minimieren und den Ertrag zu maximieren. So haben viele Häuser die Handelstische für Aktien, Aktienderivate und Unternehmensanleihen zusammengelegt, um mehr Transparenz und Effizienz zu schaffen. In einem Punkt haben die Kritiker dennoch Recht: Die Banken gehen heute deutlich höhere Risiken ein als noch vor wenigen Jahren.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Goldman Sachs ist ein Paradebeispiel für risikobereiten Eigenhandel
Paradebeispiel ist Goldman Sachs. Unter der achtjährigen Führung von Hank Paulson entwickelte sich Goldman zur Wall-Street-Bank mit dem aggressivsten Eigenhandel. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres stieg der VAR auf den Rekordwert von 112 Mill. Dollar. Zum Vergleich: 2004 lag das Maß für den maximalen Tagesverlust noch bei 70 Mill. Dollar - und diese Zahl war bereits fast drei Mal so hoch wie 1999.
Unter dem neuen Chef LLoyd Blankfein dürfte sich an der Strategie kaum etwas ändern. Schließlich war es Blankfein, der die Handelssparte von Goldman zur profitabelsten an der Wall Street gemacht hat. Im vergangenen Jahr steuerte das Handelsgeschäft 66 Prozent zu den Gesamteinnahmen von 24,8 Mrd. Dollar bei. Angesichts der Risiko-zahlen von Goldman zeigt sich auch, dass die Deutsche Bank
das Augenmaß nicht verloren hat. Der VAR lag von März bis Juni bei durchschnittlich 68 Millionen. Euro und damit im Rahmen der vergangenen Quartale.
Trotz aller Beteuerungen der Banken, sie hätten enorme Fortschritte beim Risiko-Management gemacht, sorgen sich Finanzaufseher in den USA und Europa, dass die Branche den Bogen auf der Suche nach immer höheren Renditen überspannt. Tatsächlich haben im zweiten Quartal fünf von sieben Investmentbanken an der Wall Street ihre Risikoposition noch einmal erhöht. Doch Blankfein und die anderen Fans des Eigenhandels haben ebenfalls ein gutes Argument: Bei den meisten Instituten stiegen die Einnahmen aus dem Wertpapierhandel deutlich schneller als die Risiken. Bei Goldman verdoppelten sich die Einnahmen im ersten Halbjahr beinahe (siehe Tabelle). Der VAR stieg dagegen "nur" um 63 Prozent. "Klarer kann man doch nicht beweisen, dass es sich lohnt, ein bisschen mehr zu wagen", meint ein Londoner Händler.

