Der Vizechef der US-Investmentbank Morgan Stanley, Walid Chammah, erwartet kein schnelles Ende der Finanzkrise. Diese könnte sich noch bis 2010 hinziehen, erklärt der Topbanker im Handelsblatt-Interview. Bis dahin erwartet er weitere Zusammenbrüche von US-Regionalbanken. Verabschieden muss sich die Branche seiner Meinung nach auch von den aus den vergangenen Jahren bekannten Traumrenditen.
Sieht kein schnelles Ende der Finanzkrise: Walid A. Chammah, CEO von Morgan Stanley. Foto: Frank Rumpenhorst
Frage: Einfache Frage, wann sehen wir das Ende der Finanzkrise?
Chammah: Das soll eine einfache Frage sein? Im Ernst, offensichtlich ist die Finanzkrise noch nicht vorbei. Es ist schwer, eine Vorhersage zu wagen. Jeder der dies bislang machte, lag falsch. Die Banker waren bisher fast alle zu optimisch mit Blick auf ein Ende der Krise. Sie endet, sobald die Preise für Wertpapiere sich im Markt stabilisieren. Das wäre der Boden, auf dem eine Umkehr, ein Turnaround aufsetzen kann.
Zeigen Sie doch etwas mehr Mut.
In diesem Jahr sehe ich kein Ende der Krise mehr. Wahrscheinlich wird sie irgendwann zwischen dem nächsten Jahr und 2010 abgeschlossen sein. Es liegt schwerpunktmäßig an den amerikanischen Konsumenten und ihrem Verbrauchsverhalten sowie der Frage, ob wir in den USA und Europa in eine Rezession schlittern. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die Rezession die Konjunktur in Schwellenländern wie China und Indien ebenfalls stark ausbremst.
Müssen sich Banken wie Merrill Lynch mit dem Verkauf von strukturieren Derivaten und Anleihen freischwimmen?
Ich möchte nicht über Konkurrenten wie Merrill Lynch sprechen. Aber Banken können natürlich zu dem Schluss kommen, durch einen Verkauf klar Schiff zu machen und auf Basis einer sauberen Bilanz mit frischem Kapital neu zu starten.
Steigt der Druck auf die Institute, Wertpapiere zu verkaufen und Risiken abzubauen?
Der Druck besteht schon eine Weile und ist zuletzt noch einmal gestiegen. Die Frage ist aber doch, welchen Wert ordne ich den Assets in meiner Bilanz zu? Jedenfalls gibt es einen klaren Wunsch in der Finanzcommunity, die Bilanzen so gut wie möglich zu säubern. Doch das ist natürlich auch eine Frage der Entwicklung der Preise. Vor vier bis fünf Monaten waren wir hier noch auf einem anderen Stand als heute, sprich die Kurse lagen höher. Sobald wir die Stabilisierung sehen, werden Investoren zurückkommen, Wertpapiere kaufen und damit gleichzeitig Liquidität zur Verfügung stellen.
Sind gut 20 Cent für einen Dollar Wert der richtige Preis für CDOs?
Wenn Sie auf den Wertpapierverkauf von Merrill Lynch abstellen, kann ich dazu nichts sagen. Grundsätzlich gilt, der Markt ist sehr komplex. Hier wird kein Bündel von Hypothekenkrediten verkauft, das einfach zu bewerten ist. Hier geht es um Finanzstrukturen, die auf Hypothekenkrediten basieren. Eine Bewertung kann also entgegen der landläufigen Meinung nur vorgenommen werden, wenn es einen tiefen Blick in die Struktur, den Aufbau dieser Spezialwertpapiere gibt.
Gibt es ausreichend Käufer für die Wertpapiere der Banken?
Liquidität ist derzeit kein Problem. Investoren sitzen auf Bergen von Geld. Das gilt nicht nur für Finanzinvestoren, sondern auch für Hedge-Fonds und normale Fonds als mögliche Käufer. Alle warten nur auf den richtigen Moment – und würden liebend gerne investieren, sobald sie Stablität in den Markt einziehen sehen.
Sind die Verkäufe ein Zeichen dafür, dass das Eigenkapital nicht mehr bis zur Hutkante für Geschäfte genutzt und gleichzeitig die Risiken reduziert werden?
Die Finanzinstitutionen nehmen den Hebel, das Leverage, heraus und nutzen ihr Eigenkapital in einem deutlich geringeren Umfang als Basis für ihre Geschäfte. Gleichzeitig senken sie damit ihre Risikopositionen und sammeln Liquidität an. Das wird sich natürlich auch auf die Erträge auswirken. Daran führt kein Weg vorbei. Aber gleichzeitig erhöht sich die Qualität der Gewinne durch weniger Risiken und ein geringeres Ausnutzen des Eigenkapitals für die Bankgeschäfte. In der derzeitigen Situation ist die Qualität der Erträge wichtiger als die Höhe. Das Wichtigste ist eben eine solide, liquide Bilanz.
Mit anderen Worten?
Eine an den Risiken ausgerichtete Eigenkapitalisierung ist heute entscheidend. Nicht jede Bilanz ist vergleichbar, nicht alle darauf basierenden Geschäfte. Ein Beispiel: Wenn Eigenkapital die Basis für Geschäfte mit Staatsanleihen ist, dann muss das anders bewertet werden als im Fall von Subprime-Hypothekendarlehen in den USA. Da geht es nicht nur um Risiken, sondern auch um Liquidität. Staatsanleihen sind jederzeit verkaufbar. Auf Subprime-Darlehen bleiben die Banken im Zweifel sitzen oder können sie nur mit kräftigen Abschlägen verkaufen.

