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24.04.2008 
Versicherungen

Zurich scheut zu viel Risiko

von Oliver Stock

Der Schweizer Versicherer setzt auf langsames Wachstum. Nach einer kritischen Phase steht das Unternehmen wieder gut da, der Gewinn stieg im letzten Jahr um satte 22 Prozent. Trotzdem dämpft Vorstand Axel Lehmann die Kauflust.

ZÜRICH. Der Schweizer Versicherer Zurich Financial Services (ZFS) will nicht um jeden Preis wachsen. "Wir müssen nicht jedes Jahr um fünf Prozent zulegen", sagt Axel Lehmann, oberster Risikomanager des Versicherers, der beispielsweise unter den Industrieversicherern weltweit führend ist. "Ich will, dass das Unternehmen Risiken nimmt, aber nur die richtigen. Meine Aufgabe ist es dabei immer, an die übernächste Schlagzeile zu denken", fügt er im Gespräch mit dem Handelsblatt hinzu. Lehmann versteht sich als Warner und sagt: "Die dümmsten Entscheidungen treffen Unternehmen immer dann, wenn sie zu viel Geld haben."

Die Schweizer stehen nach einer kritischen Phase, in der sie beispielsweise in Deutschland ihr Geschäft reorganisiert und Niederlassungen zusammengelegt haben, inzwischen wieder gut da. Der Konzern hatte seinen Gewinn im vergangenen Jahr um 22 Prozent auf 5,6 Mrd. Dollar gesteigert. Beim Umsatzwachstum waren die Zahlen dagegen schwächer. In der Schaden- und Unfallversicherung stagnierte der Umsatz gemessen in den jeweiligen Währungen der Geschäftsregionen. In der Zurich-Bilanzwährung Dollar legte er um vier Prozent auf 35,7 Mrd. Dollar zu. In der Lebensversicherung verwandelt sich ein Rückgang um drei Prozent in Originalumsätzen in einen Zuwachs von drei Prozent auf 21,7 Mrd. Dollar. Attraktiv für Anleger ist ein Aktienrückkaufprogramm in Höhe von 2,2 Mrd. Franken (1,4 Mrd. Euro). Konzernchef James Schiro hat vorgegeben, den Gewinn bis 2010 um 2,4 Mrd. Dollar zu steigern.

Darauf zu achten, dass dabei Augenmaß vor Kauflaune geht, ist die Aufgabe von Lehmann, der erst seit diesem Jahr als oberster Risikomanager und Vorstandsmitglied in Zürich sitzt. Er hatte zuvor die Sparte North America Commercial (NAC) geleitet, die Sach-, Haftpflicht- und Unfallversicherungen für kleine und mittelgroße Unternehmen in den USA anbietet. NAC nimmt als drittgrößter Unternehmensversicherer in den USA - nach AIG und St.Paul Travelers - rund 11,5 Mrd. Dollar Prämien ein und macht damit rund ein Drittel des gesamten Prämienvolumens von ZurichsSchadensversicherungsbereich aus. Lehmann war es in den USA gelungen, Zurichim Bereich der Unternehmensversicherungen vom Trend zu schwächeren Preisen absetzen zu können.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein gewisser "Aquisitionsdruck" in der Branche.

Sein Erfolg empfahl den 49-Jährigen, der bereits 2002 in die Konzernleitung aufgerückt war, für eine Aufgabe in Zürich, wo er als möglicher Nachfolger von Konzernchef Schiro gehandelt wird. Gegenkandidat könnte der zwei Jahre ältere Dieter Wemmer sein, der derzeit für die Finanzen des Versicherers verantwortlich ist. Wemmers und Lehmanns Wege kreuzten sich schon häufiger: Vor dreieinhalb Jahren hatte Wemmer den Kollegen als Chef des europäischen Schadensversicherungsgeschäfts beerbt. Der Finanzchef ist, was das Thema Wachstum anbelangt, etwas forscher als sein Kollege aus der Risikoabteilung. Er hatte vor einigen Monaten im Gespräch mit dem Handelsblatt von "Kaufgelegenheiten" gesprochen und auf einen gewissen "Aquisitionsdruck" verwiesen.

Den spüren auch andere in der Branche. Die Konkurrenz von nebenan beim Schweizer Versicherer Swiss Life hat darauf reagiert, indem sie die Mehrheit am deutschen Versicherungsvertrieb AWD übernommen hat. Beim mittelgroßen Basler Versicherer Baloise musste im vergangenen Jahr überraschend der Chef gehen. Er hatte zwar stets eine solide Bilanz vorlegen, aber keinen entschiedenen Wachstumsschritt vorweisen können. Ein Zusammenschluss mit der deutschen Gothaer scheiterte in diesem Jahr.

ZFS setzt dagegen unter dem voraussichtlich noch mindestens bis zum Jahr 2009 agierenden Konzernchef Schiro auf eine Strategie von Zukäufen mit überschaubarem Volumen. Schiro hatte Anfang 2002 die Leitung der damals durch Überexpansion und Aktienkrise angeschlagenen Gruppe übernommen. Jahrelang galt der Konzern als Übernahmekandidat. Das neue Selbstbewusstsein zeigt ein Beratervertrag mit dem ehemaligen britischen Regierungschef Tony Blair.

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