In der Nacht zu Freitag hat die Schweizer Großbank UBS einen neuen Chef bekommen: Peter Wuffli geht, sein Stellvertreter Marcel Rohner übernimmt. Der überraschende Führungswechsel hat eine kurze, aber heftige Vorgeschichte. In der spielen verantwortungsbewusste Firmenkontrolleure die Hauptrolle, darunter ein Ex-BMW-Chef. Was hinter den Kulissen passiert ist.
ZÜRICH. Es ist kurz vor dem vergangenen Wochenende. An der Küste vor Valencia hatte die Yacht Alinghi gerade beim Americas Cup ihren vierten Sieg gegen das Team von Neuseeland errungen. Die UBS ist Hauptsponsor des Schweizer Teams. Seit Wochen wirbt sie auf Plakaten und Anzeigen für ihr Engagement bei den Seglern. Ausdauer, technische Spitzenleistungen, Tradition – der Segelwettbewerb ist mit Emotionen und Eigenschaften aufgeladen, die die UBS auch für sich gerne nutzen würde. Das Rennen auf dem Wasser steht kurz vor der Entscheidung. Ein Sieg fehlt der Alinghi zu dem Zeitpunkt noch für den Cup-Gewinn.
In dieser Phase begegnen sich in dem spanischen Küstenort elf illustre Herren und eine Dame und treffen eine folgenschwere Entscheidung. Das Gremium repräsentiert den Verwaltungsrat der UBS. An seiner Spitze steht seit sechs Jahren Marcel Ospel, ein Schweizer Banker durch und durch. Von 1996 bis 1998 war er Präsident der Konzernleitung des Schweizerischen Bankvereins. Als der Verein in der UBS aufging, wurde er deren CEO, später dann eben deren Verwaltungsratspräsident. Eine typische Karriere.
Eigentlich sollte die Sitzung während des Weltcups eine seiner letzten sein. Ospel hatte den Verwaltungsrat gebeten, ihn nächstes Jahr, wenn er seinen 58. Geburtstag feiert, aus dem Amt zu entlassen. Er wolle einen Generationswechsel herbeiführen, hatte er gesagt. Bankchef Wuffli, der dann 48 sein wird, sollte ihm folgen. Bei der UBS kommt man jung und geht früh. Die Bank zählt zu denen, die weltweit die höchsten Gehälter zahlt. Ospel nimmt an die 20 Millionen Franken im Jahr mit nach Hause. Da hat man seine Schäfchen schnell im Trockenen. Doch aus dem fein säuberlich geplanten Wechsel wird nichts.
In dem Gremium sitzen Leute, die etwas vom Geschäft verstehen. Profis, die das alte System der Postenschacherei nicht mitmachen, wenn Ergebnisse nicht so ausfallen, wie sie es für richtig halten. Da ist beispielsweise Ernesto Bertarelli. Er nimmt sich Zeit für das Treffen, obwohl ihm eigentlich gerade etwas anderes unter den Nägeln brennt: Bertarelli führt die Crew der Alinghi an, ist der Skipper auf dem Boot. Doch der Milliardär, der jüngst seine Biotech-Firma Serono an den deutschen Pharmakonzern Merck verkauft hat, weiß auch, dass der Sport manchmal hinterm Geschäft zurücktreten muss. Neben ihm hat es sich Sergio Marchionne bequem gemacht. Vermutlich wie immer im legären Pullover. Er ist einer der Neulinge in dem Gremium und erst seit April dieses Jahres dabei. Als Chef von Fiat schlägt das Herz des Italo-Kanadiers für Technik, und er begeistert sich für das Schiff, das da draußen um den Sieg kämpft. Aber Marchionne weiß auch, was es heißt, wenn ein Unternehmen im Vergleich zur Konkurrenz zurückfällt. Fiat war, bis er kam, ein solches Unternehmen. Die UBS rutscht gerade in eine ähnliche Situation. Drei Quartale waren allenfalls ordentlich. Im Vergleich zur Konkurrenz konnte das Kreditinstitut jedoch nicht mehr überzeugen. „Die Bank hat die nächste Raktenstufe nicht gezündet“, sagt ein Insider.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ex-BMW-Chef Panke hat Bauchschmerzen
Auch Helmut Panke, von 2002 bis September 2006 Vorstandsvorsitzender des BMW-Konzerns, gehört zum Verwaltungsrat. Er dürfte eine Studie der deutschen Bank besonders intensiv gelesen haben. Der UBS-Konkurrent weist darauf hin, dass die Schweizer besser dastünden, wenn sie sich auf die Vermögensverwaltung konzentrierten. Warum, so fragt sich Panke möglicherweise, ist es Wuffli nicht gelungen, den Eine-Bank-Ansatz überzeugender zu kommunizieren? Warum tauchen solche Analystenberichte auf, die indirekt vorschlagen, die UBS in zwei Teile aufzuspalten, eine für die Vermögensverwaltung, die andere fürs Investmentbanking?
Unangenehme Erinnerungen wecken die jüngsten Ereignisse bei der UBS auch bei Peter Voser. Der Schweizer ist seit 2004 Finanzchef des Ölgiganten Royal Dutch Shell. Davor war er in gleicher Funktion beim Schweizer Technologiekonzern ABB und hat erlebt, in welche tiefe Krise ein Unternehmen geraten kann, wenn es nicht rechtzeitig gegensteuert. Das ist wie beim Segeln: Wenn der Wind dreht, muss der Kurs angepasst werden. Voser dürfte die Finanzzahlen der Großbank sorgfältig analysiert haben. Wuffli, so müsste danach auch sein Fazit gelautet haben, ist nicht mehr der Mann der Zukunft.
Unter diesen Bedingungen einem Wechsel des Firmenchefs in den Verwaltungsrat zuzustimmen, fällt dem Gremium schwer. Hätten die alten Mechanismen funktioniert, so hätte die Verwaltungsratsmitglieder die Kröte geschluckt. „Doch das sind Profis“, sagt ein UBS-Mann, „Gefühle spielen keine Rolle.“ Nach einer hitzigen Sitzung entscheiden sie sich gegen Ospels Rückzug und damit auch gegen Wufflis Wechsel. Als der Konzernchef davon erfährt, zieht er die Konsequenz: Wuffli sieht es als Vertrauensentzug und nimmt seinen Hut.
Am vergangenen Sonntag, als die Allinghi zum entscheidenden Rennen aufbricht soll, herrscht übrigens Flaute vor der Küste von Valencia. Skipper Bertarelli dürfte das nach der erschöpfenden UBS-Sitzung durchaus entgegen gekommen sein. Er verschiebt seinen Sieg auf Dienstag.

