
Herr Schmitz, Derzeit zeichnet sich ab, dass systemrelevante Banken besondere aufsichtsrechtliche Kapitalerfordernisse bekommen könnten. Ist das sinnvoll?
Schon jetzt haben wir doch eine Spaltung zwischen den ganz großen und den ganz kleinen Instituten. Da ist im Geschäftsmodell schon ein großer Unterschied. Und in der Krise haben wir gelernt, dass einige Banken vielleicht zu groß sind, um gerettet zu werden. Dass sich Politik und Banken hier Gedanken machen, damit es nicht wieder zu einer systemischen Krise führt, ist richtig. Vor allem wenn man bedenkt, dass wir im letzten September quasi vor einer Kernschmelze standen.
Unterstützen Sie die Pläne der G20 und des Baseler Ausschusses, von den Banken höheres und robusteres Eigenkapital zu fordern?
Es ist richtig, dass die Banken ihr Geschäft mit mehr Kapital unterlegen müssen. In der Krise hat sich gezeigt, dass die Kapitalquoten zu gering waren für das, was die Banken an Geschäft gemacht haben. Und die Eigenkapitalrichtlinien von Basel II, die am höchsten Punkt der Konjunktur das geringste Eigenkapital erfordern - so dass die Eigenkapitalquote senkrecht abfällt, wenn die Risiken steigen -, müssen verändert werden. Aber erst nach der Krise. Eine höhere Minimum-Eigenkapitalquote von 7 oder 8 Prozent, in der fast nur noch Kern-Tier1-Kapital enthalten ist, wird schon eine Herausforderung für den gesamten deutschen Bankenmarkt – weniger für den angelsächsischen. 98 Prozent des deutschen Bankensektors haben keinen Zugang zum Kapitalmarkt.
Aber ist es deshalb zwei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise noch zu früh, wegen der Konjunkturkrise über höhere Kapitalforderungen zu sprechen?
Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Ein Fahrplan muss jetzt also schon aufgesetzt werden. Die Umsetzung der Beschlüsse aber in die Krise zu legen, wäre für die deutsche Volkswirtschaft fatal, weil es die Kreditvergabesituation verschärfen würde. Rund 95 Prozent der Außenfinanzierung deutscher Unternehmen beruhen auf Kredit, in Amerika sind es selbst in der Krise nur 28 Prozent. Die Rating-Agenturen neigen dazu, Neuregelungen für das Eigenkapital sofort in ihre Ratings einzubeziehen, auch wenn es eine Übergangsfrist gibt. Das ist ein Problem. Hinzu kommen die EU-Auflagen für die Landesbanken zur Verringerung der Bilanzsummen, die Druck auf den deutschen Kreditmarkt ausüben. Und dann wird die Risikovorsorge für die Banken im zweiten Halbjahr 2009 und im Jahr 2010 steigen. Alles in allem würden verfrühte und übertriebene Kapitalanforderungen die Kreditvergabe schwer belasten. Das kann keiner wollen.
Was wünschen Sie sich also von der Bundesregierung?
Dass sie sich dafür einsetzt, dass das Kernkapital auch aus hybridähnli-chen Strukturen wie stillen Einlagen bestehen kann, zumindest für eine Übergangszeit. Diese Hybridbestandteile können ja stärker als in der Vergangenheit ausgestaltet sein. Die deutsche Volkswirtschaft bekommt es sonst in der kurzen Zeit nicht hin. Das würde sonst massiv auf die Kreditvergabe durchschlagen. Zudem sollte sich die Bundesregierung für eine Differenzierung der Eigenkapitalunterlegung nach Geschäftsmodellen stark machen.
Wie lang muss eine solche Übergangszeit sein?
Das kann ich nicht sagen. Das hängt letztlich damit zusammen, wie lange die Krise noch andauert.
Wie weit sind wir denn durch die Finanzkrise?
Was das Finanzsystem angeht, haben wir das Schwerste hinter uns. Entscheidend wird sein, wie sich die Realwirtschaft künftig entwickelt. Ich gehe von einem niedrigeren Potenzialwachstum aus, denn westliche Kunden für die Exportwirtschaft werden weniger nachfragen und die asiatischen Kunden können das nicht kompensieren.
Was heißt das für den deutschen Bankenmarkt? Wird es weitere Zusammenschlüsse geben?
Dass es Konsolidierung geben muss, ist unstreitig. Ich hoffe auch hier, dass wir nicht in zwei Jahren von einer verschwendeten Krise sprechen, was die Bankenstruktur angeht. Meine Hoffnung wäre, dass wir für die deutsche Industrie neben der Deutschen Bank und der Commerzbank noch zwei, drei große andere Institute bekommen. Die größte Volkswirtschaft in Europa braucht ertragsstarke Banken. Dafür ist die Profitabilität auf dem Heimatmarkt wichtig. Die deutschen Banken haben das Geld ja nicht in Deutschland verloren - weder mit deutschen Unternehmen noch mit deutschen Haushalten noch mit Vater Staat. Sondern sie haben den großen Fehler gemacht, dass wir aufgrund eines unprofitablen Heimatmarktes die Party in Island, Irland, Spanien, der Ukraine und Polen mitfinanziert haben. Hätten wir einen profitablen Heimatmarkt, hätten Banken kein Kreditersatzgeschäft gebraucht.