
HB WIEN. Herbert Stepic, Chef der Wiener Raiffeisen International (RI), sagte dem Handelsblatt: „Uns stehen dort die härtesten Zeiten womöglich noch bevor“. Die RI ist die Osteuropa-Tochter der österreichischen Raiffeisen-Gruppe und in vielen Ländern zwischen Ungarn und Weißrussland größte ausländische Bank vor Ort. Alle westlichen Banken zusammen haben in der Region Kredite in Höhe von zirka 1,3 Billionen Euro vergeben.
Analysten warnen deshalb mit Blick auf die bevorstehenden Quartalsergebnisse schon vor größeren Ausfällen. Marion Swoboda-Brachvogel, Bankenanalystin beim Brokerhaus Cheuvreux, erwartet die meisten Probleme in der Ukraine, in Ungarn und Rumänien. Banken wie etwa die Raiffeisen International, aber auch die Commerzbank, die BayernLB oder die italienische Unicredit müssten sich dort auf größere Schwierigkeiten vorbereiten.
Tatsächlich stellt sich Raiffeisen-Chef Stepic darauf ein, dass die Zahl der Kreditausfälle jetzt deutlich ansteigt. „Dieser letzte Teil der Krise hat erst Ende 2008 begonnen und wird sich weiterhin verstärken“, betont der Bankchef. Er glaube auch nicht mehr an eine Erholung im nächsten Jahr. „Normalbedingungen werden frühestens 2011 herrschen.“
Die Ratingagentur Fitch hat auf die wachsenden Probleme bei den Krediten bereits reagiert und das individuelle Rating der betroffenen Banken gesenkt. „Die Zahl der Kredit-Neubewertungen wird signifikant steigen“, sagt Michael Steinbarth, Experte bei Fitch. Die in Osteuropa vertretenen Banken müssten sich darauf einstellen, dass ihre Gewinne schrumpfen und dass auch ihre Eigenkapitalbasis deutlich leiden wird.
Die Bank Austria, die ebenfalls stark im Osten vertretene Tochter der italienischen Unicredit, hat deswegen ihre Kreditvorsorge in diesem Jahr schon auf eine gute Milliarde Euro mehr als verdoppelt. Ihre Volkswirte rechnen damit, dass die Wirtschaftsleistung in Osteuropa in diesem Jahr um 3,5 Prozent schrumpft. 2008 lag das durchschnittliche Wachstum noch bei vier Prozent. Sorgen machen sich auch die schwedischen Institute, die in den baltischen Staaten engagiert sind. Swedbank und SEB haben im Baltikum einen Marktanteil von 70 Prozent und Kredite für umgerechnet 36,4 Mrd. Euro vergeben. Beide mussten sich bereits über Emissionen neues Kapital beschaffen. Besonders heikel: Rund 80 Prozent der baltischen Kredite sind in Fremdwährungen vergeben. Eine Abwertung der baltischen Währungen würde zu enormen Kreditverlusten führen.
Auch deutsche Banken trifft die Krise in Osteuropa. Die Commerzbank hat rund 27 Mrd. Euro an Engagements in der Region – hauptsächlich über ihre Tochter BRE Bank, das drittgrößte Kreditinstitut Polens. Im März 2008 haben die Frankfurter zudem ihre Beteiligung an der ukrainischen Bank Forum auf gut 60 Prozent aufgestockt. Mit einem operativen Ergebnis von 304 Mio. Euro war das Geschäft in Mittel- und Osteuropa 2008 noch drittstärkster Ergebnisbringer im Konzern. Allerdings hat sich die Risikovorsorge inzwischen auf 190 Mio. Euro verdreifacht. Im jüngsten Geschäftsbericht heißt es, die Bonitäten der Länder und Kreditnehmer seien gesunken. Die Commerzbank habe deshalb das Neugeschäft bereits weitgehend eingestellt.
Ebenfalls in Osteuropa vertreten ist die BayernLB-Tochter Hypo Group Alpe Adria. Ein großer Teil des Stellenabbaus im Konzern von 5 600 Jobs wird wohl auf die Balkanbank entfallen, heißt es in Branchenkreisen. BayernLB-Chef Michael Kemmer setzt darauf, dass sich die Tochter mittelfristig erholt und bis 2013 „kapitalmarktfähig“ wird. Dann seien Teilverkäufe oder die komplette Veräußerung denkbar, sagte eine Sprecherin der Bank. Die EU, die die Rechtmäßigkeit der Beihilfen prüft, drängt die Münchener dazu. Angesichts der Krise findet sich derzeit aber kein Käufer.