
LondonDie vom Skandal um den manipulierten Referenzzins Libor gebeutelte britische Großbank Barclays ist zumindest im laufenden Geschäft weiter auf Kurs. Im zweiten Quartal stieg der um Sondereffekte bereinigte Gewinn dank deutlich reduzierter Kosten im Vergleich zum Vorjahr leicht auf knapp 1,8 Milliarden Pfund (rund 2,3 Milliarden Euro).
Das ist mehr als von Experten erwartet. Zudem lief das Geschäft im Juli besser als im Vorjahr, wie die Bank am Freitag in London mitteilte. Im ersten Halbjahr steigerte die Bank ihren Vorsteuergewinn auf vergleichbarer Basis um 13 Prozent auf 4,2 Milliarden Pfund. Von Reuters befragte Analysten hatten im Schnitt lediglich 3,8 Milliarden Pfund erwartet.
Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, ist seit der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.
Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.
Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen die von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.
Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.
Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.
Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.
Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.
Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.
Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.
Wegen der weiter hohen Unsicherheit an den Finanzmärkten und der sich abschwächenden Konjunktur sei aber Vorsicht geboten. „Es bleiben weiter herausfordernde Zeiten für Barclays und die gesamte Industrie“, sagte der derzeit noch amtierende Verwaltungsratschef Marcus Agius, der kommissarisch die Geschäfte bei der Großbank führt.
Die Zahlen werden aber vom Libor-Skandal überschattet. Agius entschuldigte sich für die Vorfälle der vergangenen Wochen. „Wir entschuldigen uns für die Probleme, die in den vergangenen Wochen aufgetreten sind“, erklärte Verwaltungsratschef Marcus Agius. „Wir sind uns bewusst, dass wir unsere Kunden und Aktionäre enttäuscht haben.“
Die Affäre um den möglicherweise manipulierten Libor-Satz war Ende Juni ins Rollen gekommen. Barclays hatte als erstes Geldhaus Manipulationen des Zinssatzes Libor eingeräumt und bekam eine Geldstrafe von fast einer halben Milliarde Dollar von der britischen und der US-amerikanischen Finanzaufsicht sowie vom US-Justizministerium aufgebrummt.
Mitarbeiter hatten versucht, den Liborsatz zu beeinflussen - den Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen. Anfang Juli musste dann der Vorstandschef Bob Diamond wegen des Libor-Skandals seinen Hut nehmen. Verwaltungsratschef Marcus Agius hat ebenfalls seinen Rückzug angekündigt, bleibt aber vorerst noch an Bord, bis ein Nachfolger gefunden ist.

1. Worum geht es beim Libor- und Euribor-Zinssatz - und wie wird er errechnet?
Der Libor ist ein täglich vom britischen Bankenverband BBA errechneter Zins, an dem sich Geldhäuser rund um den Globus orientieren. Seit 1986 befragt der BBA in London ansässige Banken, zu welchem Zins sie sich untereinander Geld leihen würden. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um Manipulationen zu vermeiden. Aus den übrigen Zahlen wird dann ein Mittelwert gebildet. Der daraus resultierende Satz für Laufzeiten von bis zu einem Jahr und für die gängigsten Währungen ist der wichtigste Indikator für die Liquiditätslage am Interbankenmarkt. Damit war der Libor eines der Krisenbarometer während der Finanzkrise: je höher der Satz, desto größer das Misstrauen des Marktes gegenüber einer Bank.

Der Libor dient aber auch als Referenz für Finanzprodukte - von der komplexen Übernahmefinanzierung bis zur einfachen Hypothek. Am Libor hängen Finanzprodukte im geschätzten Wert von 350 bis 550 Billionen Dollar. Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor (Euro InterBank Offered Rate) für den Euro. Er wurde 1999 mit Einführung des Euros ins Leben gerufen. 43 Banken melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Kurs ähnlich wie beim Libor berechnet wird.

2. Welches Interesse hatten Banken und Regierungen, den Wert zu manipulieren?
Zwei Vorwürfe stehen im Raum: Zum einen sollen sich die Händler einer Reihe von Banken von 2005 bis 2007 durch die Manipulation des Euribor bereichert haben. Ihnen wird vorgeworfen, eine Art Kartell gebildet zu haben, um die Sätze in eine Richtung zu lenken, die den Wert ihrer eigenen Derivatepositionen steigerte. Eines der Kartelle soll von der britischen Großbank Barclays (Bild: Protest vor einer Londoner Filiale) organisiert worden sein, ein anderes von der Schweizer UBS. „Heute bräuchten wir einen ziemlich niedrigen Satz bei den Dreimonats-Laufzeiten, sonst kostet uns das ein Vermögen“, heißt es in der E-Mail eines beschuldigten Barclays-Händlers. In diese Manipulationen ist auch die Deutsche Bank verwickelt.

Zum anderen sollen einige der damals am Libor-Fixing beteiligten Banken in den Krisenjahren 2007 und 2008 systematisch zu niedrige Zinsen gemeldet haben, um die verunsicherten Märkte zu beruhigen und Zweifel an der Solidität der Banken zu zerstreuen. Hier mischten Barclays-Chef Bob Diamond und der Chefinvestmentbanker Jerry del Missier mit. Eine Gesprächsnotiz scheint anzudeuten, dass auch die Bank of England die Vorgänge geduldet haben könnte.

3. Welche Folgen haben die Manipulationen für Sparer und Kreditnehmer?
Der Interbankenzins Libor gilt als wichtige Referenz für viele Finanzprodukte. Der Zinssatz variabler Kredite ist meist an den Geldmarktsatz gekoppelt. Variable Kreditzinsen sind vor allem bei Firmenkrediten üblich. „In Ländern wie Großbritannien, Spanien oder Österreich sind aber auch die Zinsen für Baukredite häufig an einen Geldmarktsatz gekoppelt“, sagt Thomas Meissner, Zinsanalyst der DZ Bank. Die Preise für Derivate, mit denen man sich gegen Zinsänderungs- oder Währungsrisiken absichert, sind ebenfalls oft an den Libor gebunden.

„Für Euro-Verträge ist der Euribor der wichtigere Geldmarktsatz. Aber für Währungen wie den Dollar oder den Schweizer Franken ist der Libor sehr bedeutsam“, sagt Meissner. Das heißt, dass Unternehmen aus dem Euro-Raum meistens mit dem Libor zu tun haben, wenn sie sich in Fremdwährungen verschulden oder Zinsrisiken in fremden Währungen absichern. Es gibt Gewinner und Verlierer der Manipulationen: „Wenn der Libor zu niedrig angesetzt wurde, dann ist das ein Vorteil für Kreditnehmer, deren Darlehen an den Geldmarktsatz gekoppelt sind“, sagt Falko Fecht, Professor für Financial Economics an der Frankfurt School of Finance. Dafür erhalten Einleger geringere Sätze, denn die Konditionen für Tagesgeld orientieren sich oft an Geldmarktsätzen. (Bild: Finanzviertel in London)

4. Warum wird der Zinssatz von Privatbanken bestimmt und nicht von Notenbanken?
Der Libor ist nicht als offizieller Referenzsatz entstanden: Er geht auf eine Initiative der privaten Kreditwirtschaft zurück. Erst im Laufe der Zeit, als immer mehr Kredit- und Derivateverträge auf den Wert Bezug nahmen, erreichte er seine heutige Bedeutung. Der Libor und sein Euro-Pendant Euribor sollen zeigen, zu welchem Preis sich Banken Geld leihen. Das wissen aber nur die Banken selbst. „Die meisten Geldmarktgeschäfte werden quasi per Handschlag vereinbart“, erläutert Thomas Meissner, Zinsanalyst der DZ Bank. „Es gibt bislang keine zentrale Clearing-Stelle, die diese Transaktionen erfassen könnte.“

Deshalb gibt es bislang keine unabhängige Stelle wie zum Beispiel eine Notenbank, die ohne Mitwirkung der Banken den „richtigen“ Geldmarktsatz ermitteln könnte. Prinzipiell ist es aber durchaus möglich, diese Geschäfte zentral zu erfassen. „Da es hierbei insgesamt um außerordentlich große Volumina geht, wäre dies allerdings sehr aufwendig“, sagt Meissner. Gegen eine solche Lösung spricht laut Bankenverband BBA, dass die Banken, die ihre Geldmarkt-Sätze zur Ermittlung des Libors melden, solche Transaktionen gar nicht täglich tätigen. Doch auch dieses Problem lässt sich lösen, indem man die Gruppe der Libor-Banken vergrößert, sagt Falko Fecht, Professor an der Frankfurt School of Finance. (Bild: EZB in Frankfurt)

5. Welche Ideen und Reformvorschläge könnten helfen, das Referenzsystem auf eine seriöse Grundlage zu stellen?
Der Skandal um die Libor-Manipulation hat viele Opfer gefordert, am Ende könnte der Interbankenzins selbst dazugehören. Am 9. September wollen die obersten Finanzaufseher bei einem Treffen in Basel beraten, ob er reformierbar ist oder abgeschafft werden soll. „Wenn der Libor nicht reformiert werden kann, gibt es verschiedene Alternativen“, sagte der kanadische Notenbankchef Mark Carney, der dem einflussreichen Finanzstabilitätsrat vorsitzt. Es sei denkbar, dass die Berechnungsgrundlage strukturelle Mängel aufweise, die nicht beseitigt werden könnten. (Bild: Deutsche-Bank-Zentrale in Frankfurt)

Eine entscheidende Schwäche des Libor ist, dass die von den Banken gemeldeten Sätze nicht nur auf abgeschlossenen Transaktionen beruhen, sondern auch auf Schätzungen. Das gilt vor allem für die Jahre nach 2007, als die Banken untereinander so misstrauisch waren, dass sie sich kaum noch Geld liehen. Professor Peter Hahn von der Cass Business School in London meint, dass die Finanzwelt ein neues Referenzsystem für kurzfristige Marktzinssätze dringend braucht. Um Interessenkonflikte zu vermeiden, sollten die Banken künftig grundsätzlich außen vor bleiben. Das neue System sollte stattdessen auf den Zinsen beruhen, die Großinvestoren wie Staatsfonds für ihre kurzfristigen Anlagen erhalten, fordert Hahn. (Bild: Bankentürme in Frankfurt)
1. Worum geht es beim Libor- und Euribor-Zinssatz - und wie wird er errechnet?
Der Libor ist ein täglich vom britischen Bankenverband BBA errechneter Zins, an dem sich Geldhäuser rund um den Globus orientieren. Seit 1986 befragt der BBA in London ansässige Banken, zu welchem Zins sie sich untereinander Geld leihen würden. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um Manipulationen zu vermeiden. Aus den übrigen Zahlen wird dann ein Mittelwert gebildet. Der daraus resultierende Satz für Laufzeiten von bis zu einem Jahr und für die gängigsten Währungen ist der wichtigste Indikator für die Liquiditätslage am Interbankenmarkt. Damit war der Libor eines der Krisenbarometer während der Finanzkrise: je höher der Satz, desto größer das Misstrauen des Marktes gegenüber einer Bank.

Na, mal wieder beim banker bashing? Und welche horrenden Summen haben die Kommentatoren persönlich verloren? Sicher nichts. Aber sicher ist auch, dass sich eure Politiker bei euch nicht entschuldigen werden wenn Sie euch dereinst für das selbstverschuldete Eurodesaster zur Kasse bitten werden.
Ich war Aktionär bei barc. Eingestiegen bei ca. 50 GBp verkauft bei über 2 GBP. 100K GBP Gewinn. Damit bin ich parteiisch. Für mich eine grossartige und breit diversifizierte Bank zeigt sich auch am first-half profit.

Eine Entschuldigung ohne jeden Wert...denn ändern tut sich an dem ganzen Bankensystem ja wohl nichts. Traurigerweise mit vollster Unterstützung durch die Politik.Es ist als wirklich nicht mehr zu ertragen.

Wie niedlich, Boni kassiert und verstaut, da kann man ja auch mal was bedauern, ist ja eh nur eine ganz normale Schweinerei wie sie unter Bankstern ueblich ist, fast schon ein Kavaliersdelikt.
6 Kommentare
Alle Kommentare lesen