
DÜSSELDORF. Die strafrechtliche Aufarbeitung der Finanzkrise steckt in einem schwarzen Rollkoffer. Stefan Ortseifen, Ex-Chef des beinahe zusammengebrochenen Mittelstandsfinanzierers IKB, zieht ihn hinter sich her, als er am Dienstag, flankiert von zwei Staranwälten, vor der Wirtschaftsstrafkammer des Düsseldorfer Landgerichts erscheint. Es ist ein Koffer voller Argumente, eingeheftet in Aktenordner mit kiloweise Redemanuksript und langen Zahlenreihen.
Ob selbstverschuldet oder einfach nur Pech – Ortseifen ist in mehrfacher Hinsicht eine zentrale Figur in der Finanzkrise. Er ist der erste Spitzenbanker in Deutschland, dessen Institut von der Krise fast weggespült wurde. Und er ist der erste, der sich in einem Strafprozess für die Krise verantworten muss. Sichtlich ergraut tritt er nun – zweieinhalb Jahre nach der Schieflage der Bank – wieder in das Licht der Öffentlichkeit. Ortseifen will an diesem Dienstag beweisen, dass die IKB nicht infolge von Spekulationen in die Krise geraten ist. Dass er nicht der geltungssüchtige Gierhals ist, für den ihn weite Teile der Öffentlichkeit halten. Und dass es in seinen Augen einen ganz anderen Verantwortlichen dafür gibt, dass die IKB Ende Juli 2007 aufgefangen werden musste: die Deutsche Bank.
Das größte deutsche Geldhaus habe am späten Donnerstag, den 26. Juli 2007, ohne Vorwarnung und Mitteilung an die IKB die Kreditlinien für das Institut gekappt, obwohl die IKB diese kaum in Anspruch genommen habe. Dabei hätte die IKB die nötige Liquidität gehabt, um für ihre Zweckgesellschaften einzuspringen. Der Schritt der Deutschen Bank, die zugleich auch teilweise Liquiditätsgeber, Investmentbank und Wertpapierverwahrer bei den IKB-Zweckgesellschaften war, habe einen großen Reputationsschaden mit sich gebracht und sei „als Fanal gegen die IKB angesehen“ worden, sagt Ortseifen. „Es war klar, dass alle anderen Banken sich anschließen würden.“ Am darauf folgenden Wochenende musste die IKB aufgefangen werden. Die Deutsche Bank weist den Vorwurf, für die Krise der IKB verantwortlich zu sein, umgehend zurück.
Zwei ganze Verhandlungstage lang will Ortseifen sprechen. In seiner Mammut-Rede geht es, so viel ist schon nach den ersten Minuten klar, oft darum, dass der Niedergang der IKB „tiefstes Bedauern“ auslöse, ihn „belastet“ habe. Ebenso oft betont der 59-Jährige auch, dass ihn „rechtlich keinerlei Schuld trifft“. In ruhigem Ton trägt er das vor, sein bayerisch-gerolltes „r“ klingt weich. Im Saal wird zwischendurch die Luft knapp, wenn er in Exkursionen eintaucht über den Sinn von Verbriefungen, Zweckgesellschaften oder „Asset Backed Commercial Papers“.