
DUBAI. „Die Schuldenlast der Saad- und der Algosaibi-Gruppe verstärkt die zögerliche Haltung der Geldhäuser, die im Zuge der Finanzkrise bereits sehr vorsichtig geworden sind“, sagt Mardig Haladjian von der Rating-Agentur Moody's. Nach einem Bericht der britischen HSBC stehen die beiden saudischen Firmen bei rund 100 Banken mit mindestens 15,7 Mrd. Dollar in der Kreide. Darunter befinden sich so bekannte Adressen wie Citigroup, BNP Paribas, die Mashreqbank in Dubai oder die Abu Dhabi Commercial Bank. Vertreter namhafter Institute äußern sich hinter vorgehaltener Hand besorgt, wollen die Angelegenheit aber nicht offiziell kommentieren. „Das Ganze führt zu einem enormen Vertrauensverlust, die Darlehen werden künftig noch spärlicher fließen“, betont der Spitzenmanager einer Bank in Dubai.
Experten befürchten nun einen Schneeball-Effekt, der weit über die Wirtschaft der Öl-Großmacht Saudi-Arabien hinausreichen könnte. Die Saad- und die Algosaibi-Gruppe, deren Handels- und Investment-Aktivitäten Immobilien, Gesundheit, Tourismus und Finanzen umfassen, haben nicht nur bei Banken Verbindlichkeiten. Hinzu kommen Außenstände bei zahlreichen weiteren Geschäftskunden und Zulieferern.
90 Prozent aller Unternehmen im Nahen Osten sind wie Saad und Algosaibi in der Hand von Familien, wo die Transparenz als besonders niedrig gilt. „Die Banken halten zweifelhafte Vermögen in ihren Büchern“, kritisiert Neven Hendricks von der Beratungs-Gesellschaft Deloitte. „Wer hat sich denn in der Vergangenheit um eine realistische Kreditvergabe oder ein kluges Management der Verbindlichkeiten gekümmert?“ Die Finanz-Institute stochern bei der Wertermittlung von Firmen oft im Nebel: Denn ein verlässliches Kreditinformations-System gibt es nicht.
Während des Öl-Booms hat dies auch keine große Rolle gespielt. Die Banken standen bei der Kreditvergabe Schlange, das Renommée des Kunden zählte oft mehr als Sicherheiten. In den vergangenen fünf Jahren haben Geldhäuser mindestens 64 Mrd. Dollar für saudische Gläubiger bereitgestellt.
Mit der Krise bei Saad und Algosaibi verschärft sich der Druck auf die Banken in Nahost. Bereits nach dem Platzen der Immobilienblase haben viele Finanz-Institute ihre Darlehens-Politik eingefroren. Die Rating-Agentur Moody's schätzt, dass ein Drittel aller Kredite in Dubai und Kuwait direkt oder indirekt in Bau-Projekte geflossen ist. Da sich viele Investoren verspekuliert haben, müssen Banken ihre Außenstände abschreiben oder neu verhandeln. Bei Letzterem geht es oft um eine Verlängerung der Laufzeit oder einer Aussetzung von Tilgungszahlungen. Hinzu kommt, dass viele Häuser milliardenschwere Rückstellungen für faule Kredite bilden. Experten rechnen daher mit deutlich sinkenden Einnahmen der Institute. So schätzt die ägyptische Investmentbank EFG-Hermes, dass die Gewinne der zehn größten saudischen Häuser im zweiten Quartal durchschnittlich um 19 Prozent einbrechen.
Auch die gewaltigen Infrastruktur-Programme auf der Arabischen Halbinsel leiden unter der Kreditklemme. So hatten die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) geplant, bis 2011 Projekte in Höhe von 543 Mrd. Dollar aus dem Boden zu stampfen, die Saudis peilten ein Volumen von rund 400 Mrd. Dollar an. Die Projekt-Finanzierungen aus dem Ausland dürften künftig allerdings nur noch auf Sparflamme kochen. „Internationale Geldhäuser werden nach der Zahlungs-Misere von Saad und Algosaibi nicht mehr ‚hurra' schreien wie in der Vergangenheit“, sagt ein Bank-Chef am Persischen Golf. Dies wirft Schatten auf die Konjunktur-Aussichten für die Region. So prognostiziert der IWF, dass die Wirtschaft Saudi-Arabiens 2009 um 0,9 Prozent schrumpft.
Mängelwirtschaft
Fehlende Transparenz: Banken stochern bei der Wertermittlung von Firmen in Nahost oft im Nebel. Verlässliche Kreditinformationen gibt es ebenso wenig wie ein Insolvenzrecht für Unternehmen. Viele Finanz-Institute klagen zudem über Mängel im Rechtssystem. Sein Recht einzuklagen, sei in der Praxis sehr zeitaufwendig.
Notbehelf: Die Behörden versuchen, strenger zu regulieren. Die Zentralbank der Vereinigten Arabischen Emirate hat die Mindest-Kernkapitalquote der Banken auf elf Prozent erhöht. Kredite an Immobilien-Firmen dürfen maximal 20 Prozent des Gesamtvolumens betragen. Doch häufig werden versteckte Immobilienkredite an Unternehmen vergeben, die auf den ersten Blick als solche gar nicht erkennbar sind.