
MÜNCHEN. Der Abschied fällt leichter, wenn man sich nach langen Jahren fremd geworden ist. Mehr als drei Jahrzehnte hat Hans-Peter Kreuser für seine Bank gearbeitet, zwei Jahrzehnte hat er die Geschicke des Instituts als Aufsichtsrat kontrolliert.
Jetzt sitzt er in einem kleinen Café im Herzen von München und lässt die Zeit Revue passieren. Um die Ecke die Zentrale der Hypo-Vereinsbank (HVB), ein prachtvolles Gründerzeit-Palais, im Hintergrund ragen die Türme der Münchener Frauenkirche auf. Ein bayerisches Idyll. Hier ist die traditionsreiche Vereinsbank, eine der Keimzellen der HVB, vor 139 Jahren an den Start gegangen. Für diese Bank, für die HVB, hat Kreuser jahrzehntelang gelebt.
Doch er kann auch loslassen - nicht nur, weil die Beschäftigung mit dem Enkel viel aufregender ist, als es das Spiel mit Krediten und Zahlen je sein kann. Sondern vor allem, weil seine Bank einfach nicht mehr die ist, für die er gearbeitet hat.
Auf verlorenem Posten hatte er einst mit ein paar Mitstreitern gegen die Übernahme der HVB durch die italienische Unicredit gestimmt. Nun, da mittlerweile das traditionsreiche blaue Logo verschwunden ist und die Italiener Tausende Stellen bei ihrer neuen Tochter abbauen, sieht sich Kreuser in seinen Befürchtungen bestätigt. "Ich habe viel Glück mit der Bank gehabt", sagt der 65-Jährige, der vor wenigen Wochen in Rente gegangen ist, "doch das jetzt, das ist nicht mehr meine Bank."
Nicht nur für Hans-Peter Kreuser ist bei der HVB die Zeit gekommen, Abschied zu nehmen. Heute sind die Aktionäre an der Reihe. Im schmucklosen Münchener Kongresszentrum ICM treffen sie sich zum letzten Mal. Dann wird trotz aller Kleinanleger-Proteste der Squeeze-out durch Unicredit wohl endgültig durchgezogen. Die letzten getreuen Minderheitsaktionäre werden zwangsweise ihre Papiere an die HVB-Mutter verkaufen.
Dann wird die Münchener Bank von der Börse genommen. Sie verliert ein weiteres Stück ihrer Unabhängigkeit und verkommt endgültig zu einer Unterabteilung des italienischen Konzerns. Ob dieser das immer wieder proklamierte Ziel, zu einer wahrhaft europäischen Bankengruppe zu werden, mit der HVB als zentraler Bestandteil erreicht? Oder hat das Münchener Institut völlig unnötig in etwas schwierigen Zeiten seine Unabhängigkeit aufgegeben? Darüber wird irgendwann die Geschichte entscheiden.
In bester Verfassung jedenfalls ist die HVB nicht an jenem Sonntag im Juni 2005, als die Aufsichtsräte im Palais in der Münchener Innenstadt über die Fusion mit Unicredit entscheiden. Vor allem Belastungen durch Immobilienkredite haben die Bank in die Tiefe gerissen - Altlasten aus der Fusion der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank sowie der Bayerischen Vereinsbank, bei der 1998 die HVB entstand und damit die zweitgrößte Bank Deutschlands.
800 Millionen Euro Verlust macht das Institut 2002, im Jahr darauf sind es 2,6 Milliarden und noch ein Jahr später 2,3 Milliarden Euro. Die Bank hat bereits große Teile ihres Tafelsilbers verscherbelt. Doch es reicht nicht, um die Wende einzuleiten. Anfang 2005 muss die HVB erneut 2,5 Milliarden Euro auf Immobilienkredite abschreiben.