FRANKFURT/M. Der Ruf nach einer europäischen Ratingagentur war aufgekommen, weil sich den Markt für Bonitätsbewertungen international nur drei Agenturen teilen. Dabei haben Moody’s und Standard & Poor’s (S&P) – beide mit Hauptsitz in New York – den größten Einfluss. Fitch sieht sich laut Taylor als „internationale Agentur mit europäischen Wurzeln“. So gehört die Agentur zur französischen Industrie-Holding Fimalac und hat Zentralen in London und New York.
Wie wenig eine nationale Agentur funktioniere, zeige das Beispiel Japan, meint Taylor. Die dortigen Anbieter hätten kaum Gewicht. Eine europäische Agentur sei auch deshalb unmöglich, weil sie Unternehmen mit starker amerikanischer Prägung wie Daimler-Chrysler oder die Allianz gar nicht bewerten könne, ergänzt Jens Schmidt-Bürgel, Geschäftsführer von Fitch in Deutschland.
Die aktuelle Diskussion über die Macht der Ratingagenturen sieht Fitch mit gemischten Gefühlen. „Einerseits verunsichert das Thema Investoren und Unternehmen. Andererseits genießen wir als Agentur mit europäischer Prägung jetzt mehr Aufmerksamkeit“, sagt Schmidt-Bürgel. Fitch ist vor allem durch Fusionen gewachsen. Die 1913 in New York gegründete Agentur schloss sich 1997 mit der britischen Ibca zusammen und übernahm 2000 Duff & Phelps sowie Thomson Bank Watch. Dass Fitch ein anderes Verständnis für Europa hat als S&P und Moody’s zeigt sich etwa an den Bonitätseinstufungen der deutschen Bundesländer, die Fitch im Gegensatz zur Konkurrenz wegen des Länderfinanzausgleichs grundsätzlich mit dem Spitzenrating AAA benotet.
Selbst wenn eine weitere Agentur an den Markt käme, änderte dies kaum etwas an der Dominanz von S&P und Moody’s, sagt Taylor. „Eine weitere Agentur wäre eine Konkurrenz für uns und weniger für die beiden anderen Agenturen.“ Denn an der marktbeherrschenden Stellung von S&P und Moody’s sei sehr schwer zu rütteln. In vielen Bereichen vergebe Fitch zwar in etwa so viele Ratings wie die Konkurrenz, doch die Gewinnmarge von Fitch sei nur etwa halb so hoch wie die von Moody’s.
Ärgerlich findet Taylor, dass Moody’s und S&P zum Teil den Wettbewerb einschränkten. So akzeptieren beide bei strukturierten Emissionen aus den USA, in denen viele verschiedene Anleihen oder Kredite gebündelt sind, die Ratings von Fitch nicht voll und setzen ein nach dem „Notching-System“ ein um eine Stufe schlechteres Rating an.
Nachholbedarf hat Fitch noch bei Ratings für Unternehmen. Dort haben Moody’s und S&P deutlich die Nase vorn. Großes Potenzial für neues Geschäft sehen Taylor und Schmidt-Bürgel dabei in Deutschland. Hierzulande bewertet Fitch 16 Unternehmen. Insgesamt haben rund 60 Firmen ein veröffentlichtes Rating von einer der drei Agenturen. „Diese Zahl könnte sich mittelfristig vervierfachen“, meint Schmidt-Bürgel. Grund sei, dass die Banken weniger Kredite vergäben und sich deshalb mehr Firmen am Anleihemarkt refinanzieren müssten.
Dass Ratings für Anleiheemissionen ein Muss sind, zeigt die jüngste Forderung von 26 Vermögensverwaltern. Sie plädieren unter Federführung von Barclays Global Investments, Gartmore und M&G für höhere Standards bei den Emissionen europäischer Unternehmensanleihen. Ein Punkt dabei ist, dass die Firmen „am besten zwei Ratings haben sollten“. Dabei stellen die Fondsexperten Fitch auf eine Stufe mit Moody’s und S&P. Die Agenturen seien zwar nicht perfekt heißt es in der Erklärung, doch „ihre genauen Prüfungen sind hilfreich für Investoren“.
Um neue Rating-Mandate von Unternehmen zu bekommen, hat Fitch das so genannte „Fitch Initiative Programme“ ins Leben gerufen. Dabei wird die Bonität anhand öffentlich zugänglicher Informationen ohne einen Auftrag des Unternehmens bewertet. Die Konzerne sehen den Ratingbericht vor der Veröffentlichung. In Deutschland haben Siemens, Metro, Eon und VW ein „Initiative-Rating“ von Fitch. „Wir müssen diese Unternehmen abdecken, weil sie für die gesamte Industrie sehr wichtig sind“, erklärt Schmidt-Bürgel. „Von Eon bewerten wir zudem einige Töchter und befassen uns von daher ohnehin mit dem Unternehmen“.
Auch personell will Fitch demnächst stärker in Deutschland vertreten sein. Momentan beschäftigt die Agentur an ihrem Sitz in Frankfurt nur zwei ihrer weltweit 800 Analysten. In den nächsten ein bis anderthalb Jahren soll diese Zahl auf 15 aufgestockt werden.