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Ludwig Poullain: „Ich vertraue den Banken nicht mehr“

exklusiv Ludwig Poullain feiert den 90. Geburtstag. Der Ex-Chef der WestLB spricht im Interview mit dem Handelsblatt über die Fehler von Angela Merkel, die Oberflächlichkeit vieler Banker, die wahren Wurzeln der Finanzkrise und darüber, welchen Anteil an der Misere die Kleinsparer tragen.

Ludwig Poullain: "Der Markt ist für die Politik eine unheimliche Sache." Foto von 2004. Quelle: dpa
Ludwig Poullain: "Der Markt ist für die Politik eine unheimliche Sache." Foto von 2004. Quelle: dpa

Handelsblatt: Herr Poullain, ist ein Versagen des Marktes die Ursache der Finanzkrise?

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Ludwig Poullain: Marktversagen? Das ist das schlimmste Wort. Der Markt funktioniert. Es gibt allenfalls Leute, die auf der Freiheit des Marktes herumgetanzt und so seine Freiheit missbraucht haben.

HB: Nämlich?

Poullain: Zunächst natürlich die Banker. Der Charakter von Banken hat sich gewandelt - weg vom Dienstleister und Geldversorger der Wirtschaft, hin zu Instituten, die eigene Produkte mit hohen Renditen ersinnen und virtuellen Handel damit betreiben.

HB: Wären Sie in Ihrer Zeit als Bankchef nicht auch in Versuchung gekommen, wenn Sie die Wahl gehabt hätten, viel mit gewinnträchtigen Derivaten zu verdienen - statt mit ordinäre Kreditgeschäften?

Poullain: Ich bin mir sicher, dass ich bei einem Angebot, dessen Rendite höher sein sollte, als es der Markt für diese Produkte hergibt, erkannt hätte - und zwar ohne nachzudenken: Da stimmt etwas nicht. Da kann etwas nicht stimmen. Da müssen andere Motive eine Rolle spielen, wenn jemand einen höheren Zins anbietet.

HB: Welche?

Poullain: Ich bin ein uralter Mann, ich habe in meinem Leben Beispiele erlebt. Etwa den Fall Herstatt 1974: Nur weil die Bank Liquiditätsprobleme hatte, bot sie höhere Festgeldzinsen an als die Konkurrenz. Das lockte viele Kunden an, Landesbanken, Kommunen und andere. Und die Süchtigen wurden für ihre Gier bestraft. Als Herstatt abgewickelt wurde, haben zwar die Privatanleger ihr Geld zu 100 Prozent zurückbekommen. Die großen Gläubiger aber haben 30 bis 40 Prozent verloren. Sie sind bestraft worden - zu Recht. Heute wird unsere ganze Gesellschaft für ihre Gier bestraft - und das ebenfalls zu Recht.

HB: Sie sagen also, Kleinsparer, die gerade ihr Vermögen mit Lehman-Zertifikaten verloren haben, sind selbst daran schuld?

Poullain: Selbstverständlich.

HB: Warum?

Poullain: Auch viele Kleinsparer wollten sich ja mit herkömmlichen Renditen nicht zufriedengeben. Die Finanzkrise kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Unsere Ansprüche sind immer weiter gewachsen, bis sie beinahe uferlos wurden. Ich selbst kann mich nicht freisprechen: Auch ich bin ein Kind dieser Gesellschaft, wir treiben uns doch alle gegenseitig an.

HB: Die Banken haben minderwertige Kredite verpackt, bis deren Risiken nicht nur für Laien unsichtbar waren. Staaten mussten mit Steuer-Milliarden das Überleben von Banken sichern. Da hätten gerade die Chefs wichtiger Institute eine besondere gesellschaftliche Verantwortung. Warum scheinen sie damit überfordert zu sein?

Poullain: Einem Herrn Ackermann zum Beispiel wird der Bürger nie Vertrauen schenken können, schon allein wegen seines Zickzackkurses.

HB: Weil er mit Steuergeld Banken wie die IKB oder die HRE retten lässt, dann aber sagt, er würde sich schämen, wenn seine Deutsche Bank Staatshilfe nähme?

Poullain: Ganz recht. Ich gehe in meinem Alter mit dem Wort Vertrauen sehr skeptisch um, wenn es um Banken geht. Ich traue denen alles zu, aber ich vertraue ihnen nicht mehr.

HB: Das sagen Sie als ein ehemaliger Bankvorstand?

Poullain: Der Begriff der Moral in unserer Gesellschaft wird unscharf, und mein Berufsstand ist da besonders gefährdet. Aber das ist nur ein Teil des Problems. Nach meiner Zeit als Bankier habe ich für die Industrie gearbeitet. Ich glaube zu wissen, dass an das Wissen, Können und auch die Weitsicht von Vorständen der Realwirtschaft wesentlich höhere Ansprüche gestellt werden als an Banker. Der Vorstand eines Industrieunternehmens tritt schon ins Risiko, wenn er ein Produkt entwickelt. Banker dagegen begleiten das höchstens, beratend und von außen. Das Fachwissen, das ein Banker braucht, ist geringer als etwa das eines Maschinenbau-Ingenieurs. Die Folge ist, dass man dann auch oberflächlicher wird - und schneller mit einem Urteil bei der Hand ist.

  • 07.04.2011, 22:10 UhrAnonymer Benutzer: dhs

    Dieser Mann ist einer der wenigen der den Markt versteht und nur zurecht sagt er, dass jeder selbst Schuld sei. So sind wir Menschen: Gierig.
    Entwickeln wir Moral und Ziele und es wird sich langfristig alles finden-Fatalismus.
    Ich empfinde sehr großen Respekt für diese Ikone und bin noch mehr stolz Münsteraner zu sein.
    DHS

  • 24.12.2009, 13:06 UhrAnonymer Benutzer: Dittmer, H.

    Und er hat recht. Thema Kleinsparer: Wenn ich eine Rendite angeboten bekomme, die weit über dem Markt liegt, muss dort auf der anderen Seite auch irgendwo ein Risiko sein. Denn diese Regel galt schon immer: Hohe Renditeaussicht = höheres Risiko.

    Eine Ausnahme bilden die Anleger, die durch Falschaussagen in diese Anlagen getrieben wurden. Hier werden aber die Gerichte entsprechende Urteile fällen. Zu hoffen ist, dass jetzt alle Menschen daraus gelernt haben, dass es eine Hohe Rendite mit Null-Risiko nicht gibt.

  • 24.12.2009, 00:44 UhrAnonymer Benutzer: Schneider, Simon

    s#/t...! Wenn man dem letzten Satz zustimmt muss man noch einiges erwarten in Deutschland.
    ich bin selbst der Ansicht, Deutschland geht es noch zu gut um heilige Kühe zu schlachten. Und ich rede da nicht von Sozialetats, auch Herr Poullain nicht...

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