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Mikrokredite: Mikrokredite als Renditebringer

Mikrokredit-Banken in Entwicklungsländern haftet immer noch das Image der finanziellen Entwicklungshilfe an. Doch die Minikredite für arme Frauen sind auch ein Renditegarant für Finanzinvestoren. Die Frauen gelten als zuverlässige Schuldner und bezahlen auch Zinssätze von bis zu 27 Prozent.

von Helmut Hauschild
Geld für Netze: Mikrokredite haben die Ausbeute indischer Fischer erhöht. Quelle: ap
Geld für Netze: Mikrokredite haben die Ausbeute indischer Fischer erhöht. Quelle: ap

NEU-DELHI. Die Straßenhändlerin Gudpally Pultibai betreibt nicht gerade die Sorte Geschäft, bei der renditehungrige Investoren leuchtende Augen bekommen. Pultibai verkauft Fisch. Ein paar Kilo täglich, die ihr Mann und die beiden Söhne aus dem Manjira-Fluss ziehen, einem schlammigen Wasserlauf in Indiens bettelarmer Südostprovinz Andhra Pradesh. Trotzdem lockt ihr bescheidener Verdienst Investoren von New York bis Dubai an.

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Denn Pultibai ist Teil eines viel größeren Unternehmens, das in den Finanzmetropolen rund um die Welt wachsende Aufmerksamkeit erfährt, seitdem die Börsen nur noch den Weg nach unten kennen. Sie ist Kundin der Mikrokreditbank SKS. Eine von insgesamt mehr als drei Millionen. SKS hat ihr 1 500 Rupien geliehen, das sind umgerechnet 25 Euro. Mit dem Geld kaufte die Fischersfrau neue Netze. Die haben den Fang ihrer Familie verdreifacht. Und Pultibai hatte kein Problem, den Kredit zurückzuzahlen, trotz happiger 27 Prozent Zinsen. 27 Prozent – bei Investmentbankern wecken solche Zahlen den Jagdinstinkt.

In der Lobby von Neu-Delhis Luxushotel Shangi-La lässt sich Krishna Tiwary in einen der tiefen cremefarbenen Plüschsessel fallen. Tiwary ist Wirtschaftsprüfer, Partner der indischen Kanzlei Krishna Anurag. Er kennt das Geschäft mit den Mikrokrediten. Er hat sich darauf spezialisiert. Im Auftrag potenzieller Investoren durchleuchtet er die Bücher der Kleinstkreditgeber. Die Ausfallquote gut geführter Institute sei trotz der Finanzkrise minimal, die Rendite deutlich besser als jene herkömmlicher Banken, berichtet Tiwary.

Sein Urteil deckt sich mit dem führender Investmenthäuser wie J.P. Morgan und Merrill Lynch: Während die Großbanken des Westens reihenweise vor dem Kollaps stehen, ist das Geschäft der Graswurzelinstitute in der dritten Welt weitgehend intakt. Ein aktueller Anlegerreport von J.P. Morgan zum Thema "Microfinance" bewertet denn auch die Investment-Aussichten der Branche als "sehr solide". Ungeachtet der Angststarre auf den Finanzmärkten seit der Lehman-Pleite fließe weiter ausländisches Kapital in die Branche, sagt Nick O'Donohoe, J.P. Morgans Chefökonom und einer der Autoren der Studie. "Wir beobachten weiterhin neue Abschlüsse."

Tiwary macht die gleiche Erfahrung. "Ich kann keinen Rückgang der Nachfrage erkennen, im Gegenteil", sagt er und nippt den Schaum von einer Tasse Cappuccino. An den Nachbartischen flimmern die Laptops, Geschäftsleute in dunklen Anzügen diskutieren mit gedämpfter Stimme und tauschen vertrauliche Papiere aus. Das Shangri-La ist einer jener verschwiegenen Orte, an denen Investoren diskret ihre nächsten Investitionen einfädeln.

Vor allem Private-Equity-Gesellschaften und Fonds aus den USA und Europa durchkämmten Indiens Mikrokredit-Markt auf der Suche nach lukrativen Investments, erzählt Tiwary. Immer häufiger liefen die Beteiligungen über Tochterfirmen in Mauritius. „Wer auf Rendite aus ist, der will beim Ausstieg in einigen Jahren natürlich möglichst wenig Steuern bezahlen“, beobachtet er. Lichtjahre trennt dieses Denken vom Altruismus, der einst das Markenzeichen der Armutsbekämpfer in den Mikrokreditorganisationen war. Doch zugleich gewährleistet es, dass trotz der Dürre auf den Finanzmärkten weiterhin Kapital in die Graswurzelbanken fließt.

Pultibais Kreditgeber SKS zum Beispiel machte im November, auf dem Höhepunkt der Krisenpanik, seine jüngste Kapitalerhöhung perfekt: 75 Mio. US-Dollar, finanziert unter anderem aus dem Wagniskapitalfonds der kalifornischen Silicon Valley Bank, die ihr Geld für gewöhnlich in innovative Technologie-Firmen steckt. Die Summe mag gering erscheinen. Im globalen Investmentgeschäft sind Kleinstdarlehen für die Armen trotz ihres Erfolgs ein Nischenmarkt . Aber der Multiplikatoreffekt selbst kleiner Kapitalspritzen ist gewaltig. So beträgt laut einer Studie von Merrill Lynch die Brutto-Darlehenssumme der zehn größten Mikrofinanzinstitute Indiens umgerechnet gerade mal 800 Mio. Dollar, trotzdem profitieren von den Krediten mehr als sieben Millionen Menschen.

Die Branche hat sich stark gewandelt, seit vor dreißig Jahren Mohammed Yunus mit seiner Grameen-Bank in Bangladesch den Grundstein für eine einzigartige Erfolgsgeschichte legte. Einst eine Domäne der Entwicklungshilfe und wohltätiger Stifter, sind heute die Großen der Zunft renditeorientierte Finanzinstitutionen. In Indien etwa haben viele den Status der Gemeinnützigkeit aufgegeben, um sich die Kapitalmärkte als zusätzliche Finanzierungsquellen zu erschließen.

Nur das Geschäftsmodell ist seit den Anfängen der Grameen-Bank unverändert das Gleiche geblieben. Die Kredite werden ausschließlich an Frauen vergeben, die damit ihr kärgliches Einkommen verbessern sollen. Manche kaufen Vieh, andere die Grundausstattung für einen kleinen Laden. Oder sie rüsten wie Pultibai ihr Handwerkszeug auf. Weil die mittellose Fischersfrau keine Sicherheiten bieten konnte, musste sie sich mit anderen Frauen ihres Dorfes zu einer kleinen Gruppe gemeinsam haftender Kreditnehmer zusammenschließen.

Die dadurch erzeugte soziale Kontrolle ist die Lebensversicherung für Mikrobanken wie SKS. Denn weitere Kredite bekommen Pultibai und die anderen Gruppenmitglieder nur dann, wenn sie zuvor alle ihre Darlehen plus Zinsen zurückgezahlt haben. Das Modell funktioniert. Erfolgreiche Institute wie SKS haben Ausfallquoten von ein bis zwei Prozent. Und sie profitieren in diesen schlechten Zeiten davon, dass das geförderte Kleinstgewerbe den Alltagsbedarf bedient und damit wenig krisenanfällig ist.

Beteiligungsgesellschaften wie Sequoia und Blackstone aus den USA oder Legatum aus Dubai setzen auf eine weiter fulminant steigende Nachfrage nach solchen Minidarlehen. Sequoia ist der größte ausländische Kapitalgeber von SKS, Legatum hat 25 Mio. Dollar in Indiens drittgrößten Mikrokreditgeber Share investiert. Auch Banken investieren in die Branche. J.P Morgan ist bei der Indiens Nummer zwei Spandana eingestiegen, die niederländische Bank ABN Amro hält kleine Beteiligungen an insgesamt fünf Instituten.

Gudpally Pultibai weiß davon nichts, von den Gesetzen der Finanzmärkte hat sie keine Ahnung. Ermutigt von ihrem Erfolg hat sie einen weiteren Kredit aufgenommen, um noch mehr Netze zu kaufen. Diesmal sind es 6 000 Rupien. Sie wird sie zurückzahlen. Mit Zinsen. Denn das Geschäft mit ihren Fischen floriert.

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