
London„Alles was ich getan habe, habe ich für die Bank getan, auf die ich so stolz war“: Kweku Adoboli kann die Tränen nicht zurückhalten, die Stimme versagt, der mutmaßliche Milliardenbetrüger wird von den eigenen Gefühlen übermannt, als er am Freitagvormittag in einem der spektakulärsten Strafprozesse, die der Finanzplatz London in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat, zum ersten Mal in den Zeugenstand tritt.
„Niemand kann sich vorstellen, was es heißt, neun Monate in Untersuchungshaft zu sitzen, nach all der harten Arbeit, die man für diese Bank geleistet hat“, schluchzt der ehemalige Derivatehändler, der mit seinen illegalen Geschäften der Schweizer Großbank UBS Verluste von 2,3 Milliarden Dollar bescherte.
Sechs Wochen dauert der Prozess gegen Adoboli bereits. Sechs Wochen, in denen die Anklage ihren Fall darlegte, am Freitag hatte der 32-Jährige zum ersten Mal die Möglichkeit seine Sicht der Dinge darzulegen – und die fiel für seinen ehemaligen Arbeitgeber wenig schmeichelhaft aus.
Ex-SocGen-Händler Jerome Kerviel wird zu fünf Jahren Haft verurteilt, zwei davon auf Bewährung. Ein Gericht befindet ihn der Veruntreuung, des Computermissbrauchs und der Fälschung schuldig. Kerviel hatte ohne Legitimation Positionen im Volumen von 50 Milliarden Euro aufgebaut - mehr als der Börsenwert der Bank. Es kostete 4,9 Milliarden Euro, um diese wieder aufzulösen. Den Verlust soll Kerviel seinem Arbeitgeber zurückzahlen.
Der Händler Evan Dooley von MF Global wird wegen Betrugs angeklagt, nachdem er 141 Millionen Dollar mit Weizen-Futures verzockt hatte. Der Vorfall wurde im Dezember 2009 bekannt, als die US-Aufsichtsbehörden dem Brokerhaus eine Strafe von zehn Millionen Dollar wegen unzureichender Risikokontrollen aufbrummten.
Der Händler Steve Perkins vom Londoner Brokerhaus PVM Oil Futures häuft nach einer Reihe unautorisierter Geschäfte einen Verlust von fast zehn Millionen Dollar an. Seine Spekulationen sollen den Ölpreis weltweit nach oben getrieben haben.
Der in London ansässige Merrill-Lynch-Devisenhändler Alexis Stenfors erhält ein mindestens fünfjähriges Berufsverbot. Er soll seine Handelspositionen wissentlich falsch bewertet haben, um Verluste zu verschleiern. Der Bank brockte er Abschreibungen in Höhe von 456 Millionen Dollar ein.
David Bullen und Vince Ficarra, zwei ehemalige Händler der National Australia Bank , werden nach einem Betrugsskandal zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Nach Überzeugung des Gerichts hatten sie mit Falschbuchungen ihre Boni retten und Verluste verschleiern wollen. Die Bank kostete das 187 Millionen Dollar.
Der Hedgefonds Amaranth Advisors LLC fährt nach fehlgeschlagenen Wetten auf Erdgaspreise unter dem Händler Brian Hunter einen Verlust von 6,4 Milliarden Dollar ein. Der Hedgefonds bricht wenig später zusammen.
Die Allied Irish Bank wirft dem Devisenhändler John Rusnak vor, bei der US-Tochtergesellschaft Allfirst einen Verlust von 691 Millionen Dollar verursacht zu haben. Er selbst strich zwischen 1997 und 2001 rund 850.000 Dollar an Gehalt und Boni ein. Rusnak wird zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.
Das japanische Handelshaus Sumitomo Corp erleidet einen Verlust von 2,6 Milliarden Dollar, der auf jahrelange nicht autorisierte Kupfer-Spekulationen zurückgeht. Dafür verantwortlich gemacht wird der Händler Yasuo Hamanaka, der gefeuert und später zu acht Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Sein Spitzname war „Mr. Fünf Prozent“ - sein Team soll zu den Boomzeiten fünf Prozent des weltweiten Kupferhandels kontrolliert haben.
Die japanische Daiwa-Bank verliert 1,1 Milliarden Dollar nach unautorisierten Geschäften des Anleihehändlers Toshihide Iguchi, der zum Management in den USA gehört. Er wandert 1996 ins Gefängnis.
Barings, eine der ältesten Investmentbanken in Großbritannien, bricht zusammen. Auslöser ist ein Verlust von 1,4 Milliarden Dollar im Derivatehandel durch den Händler Nick Leeson in Singapur. Leeson muss ins Gefängnis. Barings wird wenig später an die niederländische ING für ein Pfund verkauft.
Die Frage, ob Adoboli aus persönlicher Gier die Regeln brach, oder um mehr Gewinn für seinen Handelsdesk und die Bank herauszuholen, könnte zentral für das Urteil sein, das die zwölf Geschworenen im November fällen werden. Adoboli muss sich sechs Anklagepunkten stellen: Vier Mal wird ihm Bilanzfälschung vorgeworfen, zwei Mal Betrug. Ihm drohen maximal zehn Jahre Gefängnis. Um eine Verurteilung wegen Betrugs zu erreichen, muss ihm die Anklage aber nicht nur Vorsatz, sondern auch die Absicht sich persönlich zu bereichern nachweisen.
Für die Staatsanwältin Sasha Wass besteht kein Zweifel, dass der Diplomatensohn mit ghanaischen Wurzeln ein „Meisterbetrüger“ ist, der die UBS mit seinen Verbrechen an den Rand des Kollapses brachte. Ein Mann mit jeder Menge krimineller Energie, ein gewiefter Lügner, der seine Kollegen und seine Chefs jahrelang hinters Licht führte, um auf der Karriereleiter schneller voran zu kommen und höhere Boni zu kassieren. Die Staatsanwältin zeichnete das Bild eines hemmungsloser Spielers, der sich mit seiner Zockerei an den Märkten auch privat hoch verschuldete.

Das was der Junghändler hier beschreibt ist nicht unbekannt, typisch für eine Schweizer Bank, typisch für das Verhalten der Führungskräfte.
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