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Schweizer Franken: EU weitet Manipulations-Ermittlungen aus

Neben den Referenzzinsen für Euro und Yen sollen Händler auch die Sätze für Schweizer Franken manipuliert haben. Einem Medienbericht zufolge weitet die EU-Kommission die Ermittlungen aus. Den Banken drohen hohe Strafen.

Auch die Leitzinssätze für Schweizer Franken sollen manipuliert worden sein. Quelle: dpa
Auch die Leitzinssätze für Schweizer Franken sollen manipuliert worden sein. Quelle: dpa

LondonDie Europäische Kommission weitet einem Zeitungsbericht zufolge ihre Ermittlungen gegen die Manipulation von Zinssätzen durch Banken aus. Die seit 18 Monaten anhaltende Untersuchung von Euro- und Yen-Liborsätzen sei nun auf in Schweizer Franken denominierte Swaps ausgeweitet worden, berichtete die "Financial Times".

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Die Kommission könne eine Höchststrafe von zehn Prozent der Jahreseinnahmen pro Manipulationsfall verhängen. Deshalb drohe Instituten, die in allen drei Fällen für schuldig befunden werden, eine Strafe von 30 Prozent ihrer gesamten Jahreseinnahmen, berichtete die Zeitung.

Worum es beim Libor-Skandal geht

  • Was ist der Interbankenmarkt?

    Am Interbankenmarkt versorgen sich Banken untereinander mit Geld. Geber und Nehmer wechseln sich normalerweise regelmäßig ab. Basis ist gegenseitiges Vertrauen in die jeweilige Stabilität. Denn für die Kredite gibt es keine Sicherheiten. Dieser Handel, der lange reibungslos funktionierte, ist seit der Lehman-Pleite 2008 gestört, weshalb die Notenbanken die Privatinstitute immer wieder mit billiger Liquidität versorgen müssen.

  • Was ist der Libor?

    Der Libor - die London InterBank Offered Rate - wird seit den 1980er Jahren jeden Vormittag von der British Bankers' Association (BBA) in der britischen Hauptstadt festgelegt. Er entspricht dem durchschnittlichen Zinssatz, den die Banken für Verleihgeschäfte untereinander verlangen. Für die Berechnung melden die nach Marktaktivitäten 18 wichtigsten Banken die Zinsen, die sie für Kredite ihrer Konkurrenten zahlen müssen. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um große Manipulationen zu vermeiden. Mit den übrigen Daten wird dann ein Mittelwert gebildet. Das ist der Satz an dem sich alle möglichen Kredite in der Realwirtschaft mit variablen Zinsen orientieren.

  • Wie kann der Libor überhaupt manipuliert werden?

    Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen die von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays.

  • Wie unterscheidet sich der Euribor vom Libor?

    Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor - Euro InterBank Offered Rate - für den Euro. Er wurde 1999 mit der Einführung des Euro ins Leben gerufen. 43 Kreditinstitute melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Referenzkurs - ähnlich dem Libor - berechnet wird. Die höhere Zahl soll die Betrugsgefahr senken. Doch seit dem vergangenen Jahr ermittelt auch die EU-Kommission wegen möglicher Manipulationen.

  • Welches Interesse steht hinter den Manipulationen?

    Eigentlich sollte man annehmen, dass die Banken vor allem ein Interesse an höheren Zinsen hätten. Wenn sie höhere Sätze nach London melden, als sie sich untereinander tatsächlich abverlangen, würden sie für die Kredite an Privatleute und Firmen mehr Zinsen bekommen. Tatsächlich aber ging es wohl in die andere Richtung. Hintergrund ist das gewaltige Volumen von Absicherungsgeschäften, die auf Basis des Libor berechnet werden. Niedrige Libor-Sätze können den Banken dabei in die Karten spielen.

  • Weiß man, wie viel Geld mit den Zinsmanipulationen „gemacht“ wurde?

    Nein. Schätzungen zufolge hängen vom Libor Finanzprodukte im Volumen von 350 Billionen US-Dollar ab. Selbst Manipulationen im Mini-Promille-Bereich haben also gewaltige Auswirkungen.

  • Warum ist das nicht früher aufgefallen?

    Bis zur Lehman-Pleite 2008 konnten Banken praktisch unkontrolliert schalten und walten. Die Manipulationen und möglichen Absprachen fielen erst auf, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet veränderten.

  • Gibt es jetzt eine andere Kontrolle der Banken?

    Nach der Lehman-Pleite sollte alles besser werden. Weltweit wollte die Politik die Finanzbranche an die Kandare nehmen. Doch der Reformeifer schlief wieder ein. So versucht die britische Regierung etwa, den Finanzplatz London zu schützen. Allerdings führen Skandale wie der Libor-Fall der Politik die Probleme schmerzhaft vor Augen.

  • Welche Folge hat das für Privatkunden?

    Kredite mit variablen Zinssätzen hängen direkt von Libor und Euribor ab. Diese sind in Deutschland allerdings nicht so weit verbreitet wie etwa in Spanien oder Großbritannien. Hierzulande vereinbaren etwa Häuslebauer lieber Kredite mit festen Zinsen.

Die EU-Kommission strebt im Skandal um Zinsmanipulationen einen Gesamtvergleich mit allen betroffenen Banken an. Im Gegensatz zum Ansatz der britischen und US-amerikanischen Behörden wolle er keine Einzellösungen mit den Instituten, sagte EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia am Freitag in Paris. Die Kommission gehe davon aus, dass Kartelle von Bankhändlern hinter den Manipulationen der Referenzzinssätze wie Libor oder Euribor stünden.

Die Ermittlungen will die EU offenbar bis Ende des Jahres abschließen. Einigen unter Verdacht stehenden Banken sei die Möglichkeit angeboten worden, sich einigen zu können und damit eine Strafe zu vermeiden, sagten mit den Untersuchungen vertraute Personen am Freitag.

Weltweit ermitteln Aufseher gegen mehr als ein Dutzend Geldhäuser, darunter die Deutsche Bank. Einige Banken mussten im Rahmen von Vergleichen bereits Strafen zahlen. Händler der Institute sollen die Zinsen zu ihren Gunsten verzerrt und dadurch Handelsgewinne eingestrichen haben.

  • 22.02.2013, 08:24 Uhrhafnersp

    Aua, das wird ganz bestimmt teuer, für den Hauptmanipulator des Schweizer-Franken-Kurses: die Schweizer Zentralbank.

    Vor allem wenn noch die Schadensersatzforderungen der Spekulanten kommen, die von diesen Manipulationen auf dem falschen Fuß erwischt wurden!


  • 22.02.2013, 08:44 Uhrmondahu

    @hafnersp
    Sie sind kein Wilhelm Tell, sondern haben glatt danebengeschossen. Die SNB hat einen Mindestkurs festgelegt, öffentlich verkündet und gehalten. Das ist ihr (unser) gutes Recht. Swapsätze beeinflussen den Zins, das ist ganz was anderes.

  • 22.02.2013, 09:30 UhrSchuischel

    Jaja, wenn eine Zentralbank oder ein anderes staatliches Organe oder staatliches Institut das macht, ist es in Ordnung. Selbst wenn sie damit, wie die EZB, gegen geltende Verträge und Recht verstößt.

    Staatstreue bis zum letzten Mann. Kadavergehorsam.

    Ich freue mich wenn Sie später bei Programmen wie "Gold gab ich für Eisen" ganz vorne in der Schlange stehen.

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