
LONDON. Die britische Großbank Barclays hat trotz Finanzkrise im vergangenen Jahr mehr verdient als vom Markt erwartet. Vorstandschef John Varley gab gestern für 2008 einen Gewinn vor Steuern von 6,1 Mrd. Pfund bekannt. Das sind zwar 14 Prozent weniger als 2007, aber 400 Mill. Pfund mehr als von Analysten erwartet. 2009 rechnet die Bank allerdings mit einem „harten“ Jahr.
Barclays zählt neben Europas größter Bank HSBC zu den britischen Kreditinstituten, die bislang ohne staatliches Kapital auskommen. Zuletzt rutschte die Bank allerdings in eine Vertrauenskrise. Mitte Januar verlor die Barclays-Aktie innerhalb weniger Tage zwei Drittel ihres Wertes. Grund: Die Investoren fürchteten, dass die Bank bei den Abschreibungen für Schäden aus der Kreditkrise nicht so rigoros vorgegangen ist wie die Konkurrenz. Nach Einschätzung von Analysten spiegelte der Kurs an seinem Tiefpunkt eine Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent für eine Verstaatlichung wieder.
Varley reagierte auf die Vertrauenskrise mit einem offenen Brief, in dem er versicherte, dass der Gewinn die Schätzungen der Analysten übertreffen werde, und dass die Bank kein frisches Kapital brauche. Das hinderte die Ratingagentur Moody's allerdings nicht, die Bonitätsnote von Barclays mit der Begründung herab zu stufen, dass die schwere Rezession für höhere Abschreibungen sorgen werde.
Varley räumte gestern ein, dass dieses Jahr „erneut schwierig“ werde. 2008 musste die Bank acht Mrd. Pfund abschreiben. Die Kernkapitalquote stieg dennoch von 5,1 auf 6,7 Prozent. Im Privatkundengeschäft konnte Barclays den Gewinn um sieben Prozent steigern und im Kreditkartengeschäft sogar um 31 Prozent. Dazu kamen einmalige Erträge aus dem Kauf großer Teile der pleitegegangenen US-Investmentbank Lehman Brothers und dem Verkauf einiger Versicherungsaktivitäten. Dagegen sackte das Ergebnis im Investment-Banking um 44 Prozent ab. Die Bonuszahlungen an Mitarbeiter streicht Barclays im Schnitt um knapp 50 Prozent zusammen. Varley selbst hat bereits zuvor auf eine Ausschüttung verzichtet.
Für 2009 gab der Vorstandschef das Ziel aus, die Bilanzsumme zu verringern. Die Kapitalquote werde die Vorgaben der Regulierer „deutlich übertreffen“. Außerdem werde Barclays in der zweiten Jahreshälfte wieder eine Dividende zahlen. Die Aktie der Bank legte nach diesen Ankündigungen um zehn Prozent zu. „Viele unserer Bedenken sind ausgeräumt, aber noch nicht alle“, sagte Jane Coffey von Royal London Asset Management.