
NEW YORK. Winthrop Smith junior ist am frühen Morgen des 5. Dezember 2008 tief bewegt - jenes Tages, an dem die letzte große Investmentbank der Wall Street, die 1916 von Smith? Vater mitgegründete Merrill Lynch, endgültig untergeht. "Es ist, als ginge man zu einem Begräbnis, es ist das Ende einer Ära", gibt der drahtige Endfünfziger auf dem noch halb dunklen Parkett der New Yorker Börse einer kleinen Gruppe von Händlern und Reportern Einblick in sein Seelenleben. Seine müde und konsterniert wirkenden Gesichtszüge, seine ganze Haltung straffen sich erst, als er auf den zu sprechen kommt, der für ihn der Schuldige an der Misere ist. "Man hat der Bank die Seele herausgerissen", sagt er und meint damit seinen Intimfeind, Ex-Merrill-Chef Stan O?Neal.
Denn unter O?Neal, der Smith 2002 aus der Bank komplimentierte, begann Merrill, mit geliehenem Geld in zweifelhafte Hypothekenderivate zu investieren und sich einen Renditewettstreit mit den Konkurrenten zu liefern. Der Anfang vom Ende für die ganze Branche, wie man heute weiß. "Merrill Lynch war für viele von uns Mother Merrill", sagt Smith. Aber dies hätten einige offenbar nicht verstanden und zu viel riskiert, fügt er hinzu. Dann schleicht er in seinem unscheinbaren grauen Anzug aus dem Raum zur letzten Hauptversammlung in der Geschichte von Merrill Lynch. Sie soll den Notverkauf der ehemals drittgrößten von fünf stolzen US-Investmentbanken an das Kreditinstitut Bank of America (BoA) absegnen. Um 8 Uhr treffen sich die Aktionäre im World Financial Center 4, direkt neben Ground Zero und nur wenige Blocks von dem Ort entfernt, an dem Charlie Merrill, Edmund Lynch und Winthrop Smith senior vor knapp hundert Jahren die Bank gegründet hatten. Eine gute Stunde später melden die Nachrichtenagenturen Vollzug.
So endet am 5. Dezember 2008 um kurz nach 9 Uhr morgens die Geschichte der fünf großen US-Investmentbanken. Es war ein Horrorjahr selbst für die an das Auf und Ab von Boom und Krise gewöhnte Wall Street. Im Frühjahr hatte sich Bear Stearns - wie später Merrill - nur durch Notverkauf vor dem Bankrott retten können, Lehman Brothers musste Mitte September Insolvenz anmelden, und Goldman Sachs sowie Morgan Stanley konnten sich kurz danach nur durch Umwandlung in eine Geschäftsbank vor der Panik der Märkte retten. Auf sie warten nun harte Regulierungsmaßnahmen, die ihnen ein risiko-, aber auch ertragreiches Investment-Banking unmöglich machen.
Auslöser der Panik des Jahres 2008 war das Scheitern eines Experiments am lebenden Organismus der Weltwirtschaft. Ein Experiment, das die Finanzbranche seit 2002 betrieben hatte und das 2007 scheiterte. Mit Hilfe von geliehenem Geld, hoher Risikobereitschaft und dem Glauben an die Sicherheit neuer Finanzinstrumente hatte die US-Bankenbranche versucht, ein uraltes Gesetz der Finanzwirtschaft aus den Angeln zu heben: den Gleichklang des Gewinnwachstums der Kreditinstitute und der restlichen Wirtschaft. Denn bis Ende der 90er-Jahre stiegen oder fielen die Gewinne der Banken und der übrigen Unternehmen immer ungefähr gleich stark. In den wenigen Jahren der schönen neuen Welt der Wall Street gelang es den Finanzakrobaten, außer Kraft zu setzen, was bis dahin wie ein Naturgesetz gegolten hatte. Kurz vor dem Platzen des Booms 2007 erzielten die Banken ein gut zweimal höheres Wachstum als der Rest der US-Wirtschaft.
Larry Tabb, Ex-Lehman-Mitarbeiter und heute Unternehmensberater mitten im Financial District, kennt die Bestandteile des explosiven Branchen-Cocktails. "Zweifelhafte Kredite, komplexe Derivate und Spekulation mit zu viel geliehenem Geld", beschreibt der hagere Mann die Mixtur, deren Anmischung er von seinem Büro gegenüber der Wall Street beobachten konnte. "Es war Gier, was diese Krise trieb."
Basis für das Experiment war zunächst die Ausgabe von Hypotheken an Menschen, die sich eigentlich keine Häuser leisten konnten. Das Ausfallrisiko dieser zweitklassigen, im Bankerjargon "Subprime" genannten Finanzierungen ließ man sich mit hohen Zinssätzen bezahlen. Um die Ausfallrisiken nicht in der eigenen Bilanz zu haben, wurden die Kredite in Derivate verpackt und an andere Banken weiterverkauft. Weil das so gut klappte, wurden immer mehr Kredite vergeben, deren Ausfall eigentlich schon am ersten Tag absehbar war. "Kreditqualität und die Fähigkeit des Schuldners zur Rückzahlung spielten keine Rolle, denn die Darlehen waren ohnehin zum Weiterverkauf gedacht", sagt Tabb.