
MÜNCHEN. Mit Zahlen kennen sie sich aus, die Versicherungskonzerne, mit Prozessmanagement und mit der Berechnung von Risiken. Alles etwas dröge, rückwärtsgewandt, meinen manche. So beklagte bei der Handelsblatt-Tagung "Assekuranz im Aufbruch" denn auch ein Diskussionsteilnehmer, echte Innovationen gebe es in der Branche kaum. Neue Produkte - wie die Pflegeversicherung - seien doch vor allem auf Druck von gesetzlichen Vorgaben entstanden.
Ein Weckruf scheint also nötig. Den übernimmt auf dem Branchentreff Lars Thomsen. Mit dynamischen Schritten tritt er gestern früh am Morgen vors Mikrofon und kündigt einen "Wakeup Call" an. Gekleidet ist er so, wie es sich gehört bei einem Versicherungstreffen: mit Anzug und Krawatte. Seine Firma sitzt zudem da, wo viele Größen der Finanzindustrie beheimatet sind: in der Schweiz. Doch schon die Berufsbezeichnung verrät, dass ein Querdenker zu Besuch ist. "Chief Futurist" nennt sich der Gründer der Beratungsfirma future matters.
Die Welt, lautet seine Botschaft an die versammelte Assekuranz, wandelt sich viel schneller, als man es mitbekommt. Wer bei seinen Erwartungen an die Zukunft nur die Entwicklung der Vergangenheit fortschreibt, verpasst schnell die wichtigsten Trends und Wendepunkte - und so den Anschluss an die Konkurrenz.
Mit einer Erkenntnis aus der Tierwelt will Futurist Thomsen das unterstreichen: Werfe man einen Frosch in heißes Wasser, springe er prompt unversehrt aus dem Topf heraus. Werde er aber in lauwarmes Wasser gesetzt, und dieses langsam erhitzt, dann verpasse er meist die Zeit zum Absprung und müsse jämmerlich verenden.
Als Frösche lassen sich die Versicherer nun doch ungern bezeichnen. Munich- Re-Chef Nikolaus von Bomhard hatte schon am Vortag auf den Vorwurf der Innovationsträgheit geantwortet, die Branche tue viel und rede vielleicht nur zu wenig darüber. Der große Rückversicherer zum Beispiel hat zahlreiche neue Produkte angesichts des Klimawandels entwickelt - wie Deckungen für die Schwankungsrisiken bei erneuerbaren Energien.
Allerdings, warnte von Bomhard, könne die Assekuranz nicht ständig einfach Neues auf den Markt werfen. Die Risiken bei neuen Geschäftsfeldern müssten intensiv geprüft werden, sonst kann es später böse Überraschungen geben. Nicht innovationsfaul sei die Branche, sondern nur vorsichtig.
Dennoch darf sie, warnt Thomsen, die wichtigsten Entwicklungen nicht verschlafen. So sei im Internetzeitalter "Weiterempfehlungsmarketing" gefragt statt stupider Reklame. Und auch der Kampf um die knappste Ressource, gut ausgebildete Mitarbeiter, werde immer härter. Und gegen deren Fehlen kann man sich nur schlecht versichern.