Achtsamkeit und Schweigen
Stille Nacht

Meditieren und Entstressen im Schweigeseminar: Funktioniert das? In den eigenen Körper hineinhorchen, entspannen und Selbstheilungskräfte aktivieren: Wie geht das? Das Protokoll eines Selbstversuchs.
  • 0

KölnEines ist klar: Man muss das Unbehagen tolerieren, wenn man in unruhigen Zeiten die Stille sucht und den Blick nach innen richtet, statt immer nur mobil, flexibel und überall erreichbar zu sein. Denn wer sich drei Tage lang mit sich selbst beschäftigt und dabei endlich mal runter von der hohen Drehzahl kommt, kennt ziemlich schnell alle Leichen in seinem Keller mit Vornamen.

Eine ganz hässliche Leiche in mir heißt Dauerstress und ich glaube er hat sich in mir auf dieselbe Art und Weise breit gemacht, wie das mit Übergewicht ist. Da merkt man auch nicht so genau, wann und wie das Unheil eigentlich anfängt.

Natürlich bin ich kein Einzelfall, Millionen Menschen fühlen sich ruhelos und ausgebrannt. Ein Zustand, der zur Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts zu werden droht. Verwundert das noch? Wohl kaum. Nie zuvor hat der Stress unser Leben so beherrscht, wurden Leistungs- und Produktivitätspegel in unserer westlichen Industriegesellschaft so hoch geschraubt. Klar, dass das nicht folgenlos bleibt. Um nur einen Beleg zu nennen: Die Zahl der Krankschreibungen wegen eines Burn-Outs, die pathologische Mutation von Stress, stieg in Deutschland nach Angaben der Bundespsychotherapeutenkammer zwischen 2004 und 2012 um 700 Prozent.

Wir sind ausgebrannt, erschöpft und gleichzeitig hochmotiviert, unsere eigenen Bedürfnisse zu ignorieren. Es gibt ja schließlich immer noch den nächsten Urlaub, den nächsten freien Tag, das nächste freie Wochenende, das Entschleunigung und Erholung verspricht.

Das ganze Jahr über habe ich ununterbrochen geackert, manchmal zwölf Stunden am Tag. Dann war ich reif für die Insel. Statt einen Kurztrip nach Stockholm oder Helsinki zu buchen, beziehe ich Ende Oktober ein kleines Gästezimmer im Kölner Osho Uta-Institut, einem der größten Zentren für Meditation und spirituelle Therapie in Europa.

Das Programm an diesem Wochenende: drei Tage schweigen und meditieren. Aber nicht irgendwo in einem abgelegenen Eifel-Kloster am Waldrand, sondern mitten in der Großstadt, im Herzen einer Metropole. Hier steige ich aus und versuche zur Ruhe kommen. Das heißt: 72 Stunden ohne Handy, ohne Laptop, ohne Konsum, ohne Fernsehen und ohne Musik. Halte ich das aus?

Immerhin: Der von mir gebuchte Kurs „Achtsamkeit in Stille und Bewegung“ (Kursgebühr 125 Euro) ist lockerer, als so manch andres, was auf dem Markt des Meditativen inzwischen angeboten wird. Stille Phasen während der einzelnen Übungen sollen helfen, uns auf den Augenblick zu konzentrieren. In den Pausen können wir aber offiziell miteinander sprechen, unsere Handys benutzen, uns ins Café nebenan setzen und wer will fährt über Nacht wieder nach Hause.

Kommentare zu " Achtsamkeit und Schweigen: Stille Nacht"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%