Autisten im Beruf: Der etwas andere Kollege

Autisten im Beruf
Der etwas andere Kollege

Viele Autisten haben Probleme, einen Job zu finden – obwohl sie teils beste Qualifikationen mitbringen. Spezialprogramme wollen das ändern. Trotzdem traut sich nicht jeder Autist, seine Diagnose öffentlich zu machen.
  • 0

Gadenstedt/KölnAls das Team-Treffen in Paris auf den Tag des jährlichen Firmenlaufs fällt, ist für Peter Schmidt klar: An dem Meeting wird er nicht teilnehmen können. Denn der Lauf ist seit dem Jahr 2000 ein fester Bestandteil seines Lebens. Schmidt, Angestellter bei einem französischen Pharmakonzern, kann ihn nicht ausfallen lassen.

Als der IT-Spezialist zu seinem Chef geht und ihn über die Problematik informiert, betont dieser, wie wichtig das Treffen sei, schließlich wolle das Pariser Team ihn, Schmidt, gerne kennenlernen. Er müsse mitkommen. „Dann bin ich in den nächsten vier Wochen für Sie nicht zu gebrauchen“, sagt Schmidt zu seinem Chef. Der Ausfall des Laufes würde seine Struktur durcheinander bringen. Und die Struktur ist für ihn lebenswichtig.

Peter Schmidt ist Autist. Der promovierte Geophysiker hat das Asperger-Syndrom. Für ihn sind kurzfristige Änderungen in seinem Terminplan ein Problem. Gerät seine Struktur durcheinander, dann sei er „wie ein Computer, der sich aufgehängt hat“, erklärt Schmidt beim Gespräch in seinem Haus in Gadenstedt: „Dann geht nichts mehr.“ Deshalb braucht er klare Regeln. Seine Kollegen und Vorgesetzten müssen Schmidt beispielsweise 24 Stunden vorher warnen, wenn sie für einen Termin in sein Büro kommen oder wenn ein Treffen ansteht.

Schmidt zeigt damit ein Verhalten, das nicht untypisch für Autisten ist. Denn Veränderungen können eine Person mit der Diagnose Autismus oder speziell dem Asperger-Syndrom vor Probleme stellen. Das macht es für sie nicht nur im Job schwierig, sondern das macht es für sie schwierig, überhaupt eine Anstellung zu finden.

Allerdings gibt es Unterschiede: „Nicht alle Autisten können ein normales Arbeitsverhältnis eingehen“, sagt Hermann Cordes, erster Vorsitzender des Instituts für Autismusforschung an der Jacobs University Bremen. Das Spektrum reiche von Autisten mit Professoren-Niveau, deren Intelligenzquotient zwischen 140 und 150 liegt, bis hin zu Schwerbehinderten, die niemals einen Job ausüben könnten.

Die autistische Störung ist nach Definition der Bremer Forschungseinrichtung eine „tiefgreifende Entwicklungsstörung, die durch eine neurobiologische Störung der Hirnentwicklung verursacht wird und eine massiv veränderte Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung zur Folge hat“. Forscher unterscheiden dabei zwischen mehreren Ausprägungen, der allgemeine Begriff lautet Autismus-Spektrum-Störung. Dazu zählt etwa der frühkindliche Autismus oder eben das Asperger-Syndrom, das bei Schmidt diagnostiziert wurde. Menschen wie er haben „hohe kognitive Fähigkeiten“, erklärt Cordes weiter. In der Fachsprache werden sie als hochfunktionale Autisten bezeichnet. Wenn es um Autisten im Beruf geht, dann – größtenteils – um sie.

Dass Autisten als Arbeitnehmer eigentlich interessant sein müssten, liegt an ihren Fähigkeiten. „Autisten bringen viele positive Eigenschaften mit“, erklärt Cordes. Sie seien ehrlich, zuverlässig, motiviert, ja fast zwanghaft in ihrer Arbeit und würden selten Fehler machen. Hochfunktionale Autisten sind einer Studie der Uniklinik Köln zufolge sogar besser qualifiziert als der Durchschnittsbürger. 77 Prozent der Autisten haben Abitur, einen Hochschulabschluss können 35 Prozent von ihnen vorweisen. Im Bundesdurchschnitt hingegen sind es laut der Statistik der Bundesarbeitsagentur lediglich 33 Prozent beziehungsweise 15 Prozent – also jeweils weniger als die Hälfte.

Trotzdem ist die Arbeitslosenquote unter Menschen mit einer autistischen Veranlagung fast drei Mal so hoch: 18 Prozent von ihnen haben keinen Job – im bundesdeutschen Mittel sind es knapp sieben Prozent. Die Daten beziehen sich spezifisch auf die Erwachsenenforschung an der Uniklinik Köln und die Autisten, die sich dort vorstellen, sind also nicht hundertprozentig repräsentativ. Trotzdem geben sie einen Einblick dessen, wie stark sich Qualifikation und Berufstätigkeit im Autismus unterscheiden.

Kommentare zu " Autisten im Beruf: Der etwas andere Kollege"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%