Berufsfelder unter der Lupe Zwischen den Welten?

Sie sind weder Volljuristen noch BWLler: Wirtschaftsjuristen. Der Studiengang bietet Abwechslung, das Berufsbild zahlreiche Einsatzgebiete. Über Ausbildung und Perspektiven an der Schnittstelle von Ökonomie und Recht.
  • Miriam Bax
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Wirtschaftsrecht hat in Deutschland keine lange Tradition - die Berufsaussichten sind momentan günstig. Foto: dpa

Wirtschaftsrecht hat in Deutschland keine lange Tradition - die Berufsaussichten sind momentan günstig. Foto: dpa

KölnPersonalmanagement, Verhandlungen mit dem Betriebsrat, Durchführung von Vertragsabschlüssen oder Aufnahme von Krediten: Wesentliche betriebswirtschaftliche Aufgaben in Unternehmen tangieren rechtliche Rahmenbedingungen. Und hier kommen Wirtschaftsjuristen ins Spiel.

Wirtschaftsrecht als akademischer Studiengang hat noch keine lange Tradition. Das interdisziplinär angelegte Studium gibt es erst seit dem Wintersemester 1993/94 in Deutschland. Die Wirtschaftsjuristische Hochschulvereinigung beschreibt den Mix aus Anforderungen an das Studium folgendermaßen: „Mindestens 50 Prozent des Studiums entfällt auf Wirtschaftsrecht mit Schwerpunkt im Zivilrecht, der Anteil der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre beträgt mindestens 25 Prozent“. Die restlichen 25 Prozent seien Schlüsselqualifikationen wie Fremdsprachen, Rhetorik, Kommunikationsvermögen, Problem‐  und Konfliktlösungskompetenzen oder soziale Kompetenz vorbehalten.

Der Absolvent verfügt über eine Ausbildung in juristischen Kernthemen, ausgerichtet auf wirtschaftliche Belange. Zwar fehlen in der Regel rechtliche Methodengrundlagen oder Rechtsgeschichte. Dafür kennt er sich in den Schnittstellendisziplinen zum Recht wie beispielsweise Arbeitsrecht oder Personalmanagement aus. „Berufseinsteiger berichten immer wieder, dass sie einen Job wegen ihrer betriebswirtschaftlichen Kenntnisse bekamen, dass sie im Job aber besondere Erfolge aufgrund ihrer juristischen Problemlösungskompetenz erzielen konnten“, heißt es in einer Studie der Hochschule Pforzheim zur Entwicklung und Akzeptanz von Absolventen des Studiengangs am Arbeitsmarkt.

Die Nachfrage nach Wirtschaftsjuristen steigt. Quelle: Handelsblatt Jobturbo

Die Nachfrage nach Wirtschaftsjuristen steigt. Quelle: Handelsblatt Jobturbo

Wie der Stellenindex des Handelsblatt Jobturbo zeigt, steigt die Nachfrage nach Wirtschaftsjuristen am deutschen Arbeitsmarkt seit der Talfahrt im April letzten Jahres wieder deutlich an. Aber auch Bewerber suchen verstärkt nach Stellen.

Für wen sich der Einstieg im Wirtschaftsrecht lohnt und welche Chancen Wirtschaftsrechtler auf dem Arbeitsmarkt haben, weiß Prof. Dr. Eduard Zenz, Direktor des Instituts für Wirtschaftsrecht der Leuphana Universität Lüneburg. Die Hochschule gilt als Pionier des Studiengangs Wirtschaftsrecht.

Nichts Halbes und nichts Ganzes?

Im Bankenbereich finden Absolventen kaum unbefristetete Stellen. Foto: dpa

Im Bankenbereich finden Absolventen kaum unbefristetete Stellen. Foto: dpa

Wirtschaftsjuristen seien Juristen ‚light‘, das Studium wäre nichts Halbes und nichts Ganzes, sozusagen von allem ein wenig: Diese Vorurteile sind in vielen Köpfen noch immer verankert. Vielmehr besitzen Wirtschaftsjuristen jedoch durch ihre doppelte Qualifikation, dem betriebswirtschaftlichen und dem juristischen Know-how, viele Vorteile. Welche Inhalte vermittelt das Studium genau?

Im Gegensatz zum „Nur“- Juristen besitzen die Wirtschaftsjuristen ausgewähltes und gezieltes Rechtswissen, das in der Unternehmenspraxis benötigt wird mit Schwerpunkten im Arbeitsrecht, Steuerrecht, Unternehmensrecht und Finanzdienstleistungsrecht. Daneben verfügen sie betriebswirtschaftliche Kenntnisse: Sie können Bilanzen lesen und steuerliche Gestaltungmöglichkeiten verstehen, um damit ganzheitlich betriebliche Probleme lösen zu können. Auch Schlüsselqualifikationen wie Verhandlungsführung, Moderation, Konfliktlösung werden in dem Studiengang vermittelt.

Welche Vorteile bietet das Wirtschaftsrechtstudium etwa gegenüber dem klassischen Jurastudium?

Der „Nur“- Jurist ohne Prädikatsexamen kann sich meist nur als Anwalt niederlassen und die viel zu große Zahl der Rechtsanwälte weiter vergrößern. Für die Wirtschaftsrechtsabsolventen ist definitiv ein Arbeitsmarkt vorhanden. Die größten Arbeitgeber sind die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die jedes Jahr viele neue Arbeitsplätze schaffen und die Kombination von rechtlichem und betriebswirtschaftlichem Wissen schätzen.

Das Arbeitsgebiet Wirtschaftsrecht ist noch relativ jung und war lange Zeit relativ unbekannt. Spezifische Stellenausschreibungen waren rar. Wie wird das Berufsbild mittlerweile in Unternehmen wahrgenommen?

Seit der Erfindung des wirtschaftsrechtlichen FH-Studiums in Lüneburg sind 19 Jahre vergangen. Der Wirtschaftsjurist ist heute anerkannt, geschätzt und gesucht. Er besitzt heute ein eigenständiges Profil. Die „Zeit“ hat es einmal so formuliert: Wirtschaftsrecht ist wie Pfeffer und Salz, aber aus einem Streuer.

Wie sind die Beschäftigungsmöglichkeiten und Aufstiegschancen besonders in Großkanzleien? Empfiehlt sich hier die Spezialisierung im Bereich Steuerrecht oder Wirtschaftsprüfung?

Wirtschaftsjuristen sind nur sehr selten in Rechtsanwaltskanzleien tätig, zumal sie ja nicht vor Gericht auftreten können. Anders sieht es bei Rechtsanwälten mit Schwerpunkt Insolvenzverwaltung aus. Hier eignen sich Wirtschaftsjuristen besonders gut, im Gegensatz zu Rechtsanwälten bringen sie betriebswirtschaftliche und steuerrechtliche Kenntnisse aus dem Studium mit.

Gibt es auch völlig neue Märkte und Trends, die Wirtschaftsjuristen mit ihren Qualifikationen erschließen können? Worauf sollten angehenden Wirtschaftsjuristen bei der Ausrichtung ihrer Ausbildung achten?

Viele Fachhochschulen haben das Wirtschaftsstrafrecht neu in ihr Angebot aufgenommen. Neben dem Fernstudium gibt es seit einigen Jahren echte Online-Studiengänge, z. B. an der Hochschule Wismar. Im Übrigen sollte die persönliche Neigung den Ausschlag geben, welcher der drei klassischen Schwerpunkte (Personal, Steuern, Finanzdienstleistungen) gewählt wird. Der Bankenbereich baut stark Personal ab; hier finden Absolventen kaum eine unbefristete Stelle; anders sieht es bei der Bankenaufsicht aus, wo Wirtschaftsjuristen bereits beschäftigt sind.

Ist der Master eigentlich ein Muss?

Für höherwertige Tätigkeiten und Führungsaufgaben ist ein Masterabschluss zwingend. Es gibt aber auch einen Markt für Bachelorabsolventen. Nach der Umstellung vom Diplom auf Bachelor/Masterabschlüsse waren es anfangs etwa 25 Prozent der Studierenden, die ein Masterstudium aufgenommen haben. Diese Prozentzahl ist deutlich gestiegen.

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