Betrunken am Arbeitsplatz: „Zu viel Toleranz für Alkoholprobleme“

Betrunken am Arbeitsplatz
„Zu viel Toleranz für Alkoholprobleme“

Bis zu zehn Prozent der Führungskräfte in Deutschland sind abhängig vom Alkohol, sagen Studien. Seit Jahren ist die Zahl der Süchtigen auf hohem Niveau. Warum deutsche Unternehmen schnellstmöglich umdenken müssen.
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Zwei Entzugstherapien hat Herr L. schon hinter sich, trotzdem kann er nicht vom Alkohol lassen. Im November 2011 ist es so schlimm, dass er mit einer Vergiftung ins Krankenhaus muss und zehn Monate krankgeschrieben wird. Ein Horrorszenario – nicht nur für den Mann, sondern auch für seinen Arbeitgeber.

Das Beispiel zeigt es: Alkohol zerstört nicht nur viele Familien und Freundschaften, er kostet auch die Wirtschaft viel Geld. Fünf Prozent der Beschäftigten sind nach Einschätzung der Deutschen Hauptstelle für Suchtgefahren (DHS) alkoholabhängig, insgesamt knapp 1,8 Millionen Deutsche. Führungskräfte trinken sogar doppelt so häufig. Auf 26,7 Milliarden Euro pro Jahr schätzt die DHS die Schäden. Dazu zählen nicht nur die Kosten für die Behandlung alkoholbedingter Krankheiten, sondern auch Verluste durch Arbeitnehmer, die nicht bei der Arbeit erscheinen, arbeitsunfähig werden oder früh in Rente geschickt werden müssen.

Wie bei Herrn L.: Der Arbeitgeber müsse sechs Wochen lang das Gehalt weiterzahlen, wenn ein Arbeitnehmer wegen seiner Sucht krankgeschrieben wird, entschied das Bundesarbeitsgericht in Erfurt am Mittwoch im aktuellen Fall. Sucht und Rückfälle seien in der Regel nicht als Selbstverschulden zu werten. Wollen Unternehmen sich vor solchen Fällen schützen, müssen sie viel früher auffälliges Verhalten ansprechen – auch wenn es unangenehm ist.

Ansonsten drohen Produktionsausfälle und sinkende Arbeitsqualität. Nicht nur die Trunkenheit während der Arbeitszeit ist problematisch, sondern auch dadurch verursachte Krankheiten, die sich am Arbeitsplatz bemerkbar machen. Betroffene Mitarbeiter büßen rund ein Viertel ihrer Leistungsfähigkeit ein, schätzt die DHS. Es passieren häufig Fehler, teils gefährliche: Ein Fünftel der Arbeitsunfälle geschieht unter Alkoholeinfluss. Außerdem fehlen Alkoholkranke wesentlich häufiger. Ist eine Therapie nötig, fällt die betroffene Person oft für mehrere Wochen oder Monate aus.

In Deutschland ist der jährliche Konsum pro Kopf mit etwas weniger als zehn Litern reinem Alkohol seit Jahrzehnten auf hohem Niveau, auch im internationalen Vergleich. Viele Großunternehmen steuern bereits gegen. „In Deutschland gibt es gute Konzepte der betrieblichen Suchtprävention und Suchthilfe“, sagt der Sozialwissenschaftler Peter Raiser. Er ist Referent der DHS und hat sich auf den Bereich der Suchtprävention und Suchthilfe in Unternehmen spezialisiert. Viele große Betriebe beschäftigen sich im Gesundheitsmanagement nicht nur mit Ernährung und Sport, sondern auch mit Sucht. Deswegen stehe Deutschland in der Hinsicht auch im internationalen Vergleich gut da.

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  • Wer Sorgen hat, hat auch Schnaps. Solange die Arbeit ordentlich erledigt wird, ist es noch kein Problem. Wenn die Sorgen zu stark werden, muß gegengesteuert werden. Wenn man selbst nicht mehr gegensteuern kann, ist man krank. Krank ist eigentlich unsere ganze Gesellschaft, jeder einzelne mehr oder etwas weniger. Das kommt davon, wenn man zu viele Menschen auf engstem Raum zusammenpfercht und ihnen damit den Lebensraum nimmt. Wachstum und wachset und mehret euch sind die Ursachen allen Übels.

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