Diskussion um Heimarbeit: Home Office: Fluch oder Segen?

Diskussion um Heimarbeit
Home Office: Fluch oder Segen?

Die Aufregung ist groß: Yahoo-Chefin Marissa Mayer will das Arbeiten von zu Hause abschaffen und verordnet allen Heimarbeitern die Rückkehr ins Büro. Firmencoach Anne Schüller meint: Das ist der richtige Schritt.
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Yahoo-Chefin Marissa Mayer ruft ihre Truppen zur Ordnung und erwartet von ihren Mitarbeitern im Home-Office, dass sie schnellstmöglich wieder zurück ins Büro kommen. War es nicht gerade noch en vogue, seine Leute dort werkeln zu lassen, wo ihnen die besten Ideen in den Kopf kommen?

Was Yahoo jetzt braucht, ist ein Biotop für Kreativität. Ein inspirierendes Umfeld, ein fröhliches Miteinander, ein reger Gedankenaustauch und spielerischer Wettbewerb lassen Ideen geradezu sprudeln. Allein im spärlichen Home-Office gibt es solche Bedingungen nicht.

Lange Arbeitswege, verstopfte Straßen, öffentliche Verkehrsmittel: Das raubt doch jedem Mitarbeiter viel Zeit und Nerven. Statt genervt und abgekämpft im Büro zu erscheinen, könnte der Mitarbeiter doch genauso gut zu Hause sitzen, oder?

Bei all den technologischen Machbarkeiten wird oft übersehen, was Menschen wirklich brauchen: Soziale Kontakte, spürbare Anerkennung, Wertschätzung und Verbundenheit. Das ist es, wonach wir am meisten lechzen. Verbundenheit entsteht durch wiederkehrende, für alle sichtbare Zuneigung und durch gemeinsames Handeln. An Heimarbeitsplätzen gibt es davon nicht viel. Führungskräfte tun also gut daran, Gemeinschaft und Zusammenhalt auch physisch zu fördern.

Mayer hat sich wohl vor allem daran gestört, dass man von vielen Mitarbeitern gar nicht mehr so recht wusste, was sie eigentlich machen. Ist dieses Misstrauen nicht ein Schritt zurück im Zeitalter der mobilen Arbeitswelt?

Ok, ja, ohne Vertrauen wäre kein einziger Schritt möglich in unserer komplexen Arbeitswelt. Vertrauen steigert das Tempo, sein feiger Gegenspieler, die kleinliche Kontrolle, verlangsamt es. Und Vertrauen ist ein Tauschgeschäft, das mit einem Vertrauensvorschuss beginnt.

Damit ist natürlich nicht Blauäugigkeit und blindes Vertrauen gemeint. Denn blindes Vertrauen ist naiv. Dem wachsamen Vertrauen eine Chance zu geben, das ist klug. Wer zeigt, dass er Vertrauen verdient, dem wird ein guter Chef dann schnell den nötigen Freiraum geben.

Spricht denn etwas dagegen, die Mitarbeiter tageweise oder in bestimmten Projekten auch mal von zu Hause aus herumtüfteln zu lassen? Und was ist mit behinderten Mitarbeitern: Gerade ihnen kann doch das Home Office eine hervorragende berufliche Perspektive bieten.

Behinderte Menschen stellen hier ganz klar eine Ausnahme dar. Und je nach Branche oder Familiensituation spricht sicher nichts dagegen, ab und an einen Home-Office-Tag einzulegen. Andererseits brauchen Menschen den Kontakt von Angesicht zu Angesicht, denn wir lesen ja vor allem aus Gestik und Mimik heraus, ob es jemand gut oder böse mit uns meint.

Diese evolutionär überaus wichtige Funktion fehlt unserem Oberstübchen, wenn wir uns nur noch per Mail oder Telefon austauschen können. Genau deshalb macht sich Misstrauen dann auch so schnell breit.

Die Freiheit des Arbeitens in den eigenen vier Wänden entspricht einem immer größeren Bedürfnis der Beschäftigten. Büßen Unternehmen, die keine entsprechenden Angebote machen, nicht ihre Attraktivität als Arbeitgeber ein?

Viele Beschäftigte, die zunächst nur die Vorteile der Arbeit in den eigenen vier Wänden sahen, klagen inzwischen über Vereinsamung – und auch über Mehrarbeit, die ihnen zusätzlich aufgebrummt wird, oder die sie freiwillig leisten, vor lauter Angst, als Faulenzer zu gelten. Andererseits kann der Wunsch nach Heimarbeit auch eine Flucht vor widrigen Umständen im Office sein. Diesen Aspekt sollten Verantwortliche unbedingt prüfen.

Als Firma kann man doch auch viel Geld sparen, wenn der Mitarbeiter zu Hause sein eigenes Büro hat. Auch der Mitarbeiter kommt unterm Strich billiger weg, weil Fahrt- und Verpflegungskosten außer Haus wegfallen.

Tatsächlich steht bei vielen Firmen in Wahrheit das Kostensparen im Vordergrund, und die Home-Office-Argumentation ist oft nur eine schöne Verkleidung. Doch dieser Schuss geht garantiert nach hinten los, wenn das dann offensichtlich wird.

Anne M. Schüller berät Firmen und hält Vorträge zu Management-Themen, etwa wie man die Loyalität von Kunden und Mitarbeitern fördert.

Kommentare zu " Diskussion um Heimarbeit: Home Office: Fluch oder Segen?"

Alle Kommentare
  • Bei Vodafone hat die Zukunft auch schon begonnen: mit dem neuen Campus - perfekt vernetzt und dadurch höchst mobil und flexibel http://www.theeuropean.de/politikdialog/5797-topthema-arbeitswelten-der-zukunft

  • Ich wage zu bezweifeln, dass man einem Biotop durch die Tatsache, dass alle Mitarbeiter plötzlich wieder vor Ort in ihren Büros anzutreffen sind, mehr Lebensaktivität und Kreativität einhaucht. Gedeiht Kreativität hinter verschlossenen Bürotüren besser, als im einsamen Homeoffice? Ein gesunder Mix ist gefragt, ein Mix aus flexibler Wahlfreiheit zwischen Homeoffice und Anwesenheit in der Firma. Das Arbeiten am Ort der Wahl, ein Blick über den Tellerrand und der inspirierende Gedankenaustausch fördern die Kreativität.

    Selbstverständlich braucht der Mensch soziale Kontakte, Anerkennung, Wertschätzung und Verbundenheit. Erreicht man dieses durch die Abschaffung des dem Mitarbeiter entgegenbrachten Vertrauensbonus', in dem man ihn vom flexiblen Arbeitsort zurück in die Firma holt? Unter Umständen mutet man ihm noch mehr Stress durch bspw. längere Anfahrtszeiten zum Büro zu. Meines Erachtens sind im Fall des flexiblen Arbeitsortes starke Führungsqualitäten gefordert. Eine gesunde Portion Menschenkenntnis, Kommunikation, durchdachtes Planen und klare Zielvereinbarungen sind erforderlich. Zielvereinbarungen schaffen auf Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite Sicherheit über erbrachte Leistungen. Eine starke Gemeinschaft wächst durch gemeinsam erreichte Ziele und Erfolge, durch intensive Kommunikation ob per Telefon, via Videokonferenz oder Face to Face. Regelmäßige Meetings sind ohnehin wesentliche Bestandteile der Zusammenarbeit und in diesen wird der kreative Input aufgesaugt, egal ob er im Homeoffice, im Park oder im Firmenbüro gewachsen ist.

    Sabine Rubröder

  • Ich wage zu bezweifeln, dass man einem Biotop durch die Tatsache, dass alle Mitarbeiter plötzlich wieder vor Ort in ihren Büros anzutreffen sind, mehr Lebensaktivität und Kreativität einhaucht. Gedeiht Kreativität hinter verschlossenen Bürotüren besser, als im einsamen Homeoffice? Ein gesunder Mix ist gefragt, ein Mix aus flexibler Wahlfreiheit zwischen Homeoffice und Anwesenheit in der Firma. Das Arbeiten am Ort der Wahl, ein Blick über den Tellerrand und der inspirierende Gedankenaustausch fördern die Kreativität.

    Selbstverständlich braucht der Mensch soziale Kontakte, Anerkennung, Wertschätzung und Verbundenheit. Erreicht man dieses durch die Abschaffung des dem Mitarbeiter entgegenbrachten Vertrauensbonus', in dem man ihn vom flexiblen Arbeitsort zurück in die Firma holt? Unter Umständen mutet man ihm noch mehr Stress durch bspw. längere Anfahrtszeiten zum Büro zu. Meines Erachtens sind im Fall des flexiblen Arbeitsortes starke Führungsqualitäten gefordert. Eine gesunde Portion Menschenkenntnis, Kommunikation, durchdachtes Planen und klare Zielvereinbarungen sind erforderlich. Zielvereinbarungen schaffen auf Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite Sicherheit über erbrachte Leistungen. Eine starke Gemeinschaft wächst durch gemeinsam erreichte Ziele und Erfolge, durch intensive Kommunikation ob per Telefon, via Videokonferenz oder Face to Face. Regelmäßige Meetings sind ohnehin wesentliche Bestandteile der Zusammenarbeit und in diesen wird der kreative Input aufgesaugt, egal ob er im Homeoffice, im Park oder im Firmenbüro gewachsen ist.

    Sabine Rubröder

  • Nachdem das nun gesagt ist - können wir bitte zum Sachthema zurückkkehren. Hier ging es ja vor allem um den speziellen Fall von Yahoo. Was spricht denn ganz allgemein für oder gegen Heimarbeit?

  • "Soziale Kontakte, spürbare Anerkennung, Wertschätzung und Verbundenheit. Das ist es, wonach wir am meisten lechzen. "

    Vielleicht die Frau Schüller, aber sicher nicht alle Menschen. Schon mal was von Introvertierten gehört?

  • Der Artikel und die Massnahmen yahoo´s werden dem Sachverhalt nicht gerecht. Sie sind viel zu plakativ und einseitig.
    Sicher ist das Homeoffice nicht der Stein der Weisen hinsichtlich der Sozialisierung, ob das Homeoffice eher eine Bereicherung oder eine Verarmung darstellt ist eine Frage de persönlichen Organisation und Lebensverhältnisse, die sich komplett der Beurteilung eines Unternehmens entzieht.
    Ich habe beides am eigenen Leibe erfahren und kann nur feststellen, das hier irgendwelche Theoretiker unterwegs sind, die wenig Ahnung von den Realitäten haben.
    Es steht eher zu befürchten das es hier um simple Machtfragen geht, die am häufigsten hinter den offen geführten Diskussionen stehen.
    Es ist extrem unwahrscheinlich, das yahoo von einer Rückführung profitieren kann. Es ist eher von einem weiteren Produktivitätsverlust auszugehen, weil damit ungewohnte Gängelung, Einmischung und Kontrolle zunehmen werden. Eben auch weil die Teambildung hier zentral verordnet werden soll. Das nützt nur eben jenen, die gängeln, sich einmischen und kontrollieren wollen, was immer ein Zeichen für Niedergang ist.

    H.

  • Tut mir ja leid liebes Handelsblatt - aber mehr als ein Drittel dieses Textes vermag ich nicht zu lesen. Dann habe ich genug von den Platitüden selbsternannter, meistens abgehalfteter, Berater, die idR nur selbst der Ansicht sind, ihre Messiasideen wären eine echte Bereicherung. Falls ihr den Platz nicht anders füllen könnt: schaltet Werbung!

  • Die Aussagen vom Firmencoach Anne Schüller strotzen nur so von auswendig gelernten Allgemeinplätzen.

    Sie sollte lieber Horoskope für die Regenbogen-Presse schreiben, den vom Arbeiten im Home-Office hat sie nur wenig Ahnung.

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