Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, Kopfschmerzen
Warum Pendeln krank macht

Von neun bis fünf im Büro? So langweilig ein gleichmäßiger Joballtag sein kann - er schützt auch vor krankmachendem Stress. Millionen leiden darunter, dass Pendeln und Beruf immer mehr Zeit aufsaugen.
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BerlinViele Arbeitnehmer in Deutschland fühlen sich durch immer längere Arbeitswege, ständige Erreichbarkeit und Überstunden überlastet. Psychische Beschwerden sind laut dem Fehlzeiten-Report 2012 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) häufig die Folge. „Flexibilität braucht ihre Grenzen“, forderte Herausgeber Helmut Schröder am Donnerstag in Berlin.

Menschen, die Beruf und Freizeit nicht miteinander vereinbaren können, klagen über mehr als doppelt so viele Symptome wie Erschöpfung, Niedergeschlagenheit oder Kopfschmerzen wie der Durchschnitt. Wer häufig private Aktivitäten wegen des Jobs verschiebt, an Sonntagen arbeitet oder viele Überstunden macht, hat häufiger psychische Beschwerden. Viele können nicht abschalten.

Es sei zwar gut für die Gesundheit, wenn Beschäftigte ihre Arbeit räumlich und zeitlich an die eigenen Bedürfnisse anpassen können, so Schröder. Nur: Offenbar gelingt dies oft nicht. Mehr als jeder dritte Erwerbstätige erhielt binnen vier Wochen häufig Anrufe oder E-Mails außerhalb der Arbeitszeit oder leistete Überstunden.

Mehr als jeder zehnte nimmt Arbeit mit nach Hause. Fast jeder achte Beschäftigte gibt an, dass er Probleme mit der Vereinbarkeit von Arbeit und Freizeit hat. Die Folge ist, dass Betroffene mehr an psychischen Beschwerden leiden als andere.

Insgesamt sind laut WIdO rund 40 Prozent der Berufstätigen entweder Wochenendpendler, fahren täglich mindestens eine Stunde zur Arbeit oder haben ihren Wohnort aufgrund beruflicher Anforderungen gewechselt. Zwar vermeiden sie dadurch oft Arbeitslosigkeit oder sichern sich Aufstiegschancen. Doch die Belastung durch übermäßiges Pendeln gehe mit einer Zunahme von psychischen Beschwerden wie Erschöpfung oder Niedergeschlagenheit einher.

Bereits mehrmals zeigten Studien negative Auswirkungen von Pendeln oder einer weitgehenden Unterordnung des Privaten unter die Anforderungen des Jobs. So wies die Techniker Krankenkasse (TK) im Juni in einem Report nach: Psychische Störungen kommen häufiger bei Menschen vor, die oft ihren Job oder ihren Wohnort wechseln.

Das Problem dürfte zunehmen - zumindest wenn man offiziellen Statistiken folgt. Denn Pendler nehmen immer längere Wege zur Arbeit in Kauf. Die Distanz von der Haustür bis zum Büro betrug zuletzt im Schnitt 17 Kilometer. Zehn Jahre zuvor waren es noch 14,6 Kilometer.

Die jüngsten Zahlen des Bonner Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung stammen zwar aus dem Jahr 2009, doch die Forscher des Instituts gehen nach eigenen Angaben von einer weiter steigenden Tendenz aus. Überdurchschnittlich weit ist laut dem Institut der Arbeitsweg an den Rändern der großen Ballungszentren wie Hamburg, Frankfurt und Berlin.

Die Koalition will im Herbst eine Strategie für mehr Gesundheitsvorbeugung vorlegen. Die Union im Bundestag hatte angekündigt, sich verstärkt um die Beschäftigten mit Burn-out kümmern zu wollen. Konkurrenz und Leistungsdruck gäben oft den Takt vor, sagte der CDU-Gesundheitsexperte Willi Zylajew.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, Kopfschmerzen: Warum Pendeln krank macht"

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  • Ich treffe meine Aktienauswahl nur so ;-)

  • Die Kristallkugel habe ich kürzlich abgeschafft, die Ergebnisse waren nicht überzeugend. Inzwischen habe ich mich auf´s Pendeln mit einem Qualitätspendel konzentriert und ich kann nur sagen "hervorragend". Von Kopfschmerzen oder anderem Unbill keine Spur. Pendeln ist sehr gesund, vor allem das Pendeln am Morgen über den DAX, MDAX und anderen Kurslisten.
    Ausprobieren!

  • Die theoretischen Ratschläge klingen gesund und vernünftig....so sollte es sein.
    Realistisch gesehen, wird in den Firmen kaum Raum zur Umsetzung dafür gegeben.
    Als Mitareiter ist man entweder 100% "on" oder 100% "off". In vielen Firmen gibt es keine Kompromisse. Wer heutzutage einigermaßen gutes Geld verdienen möchte, seine Existenz zu sichern hat, ect. muss "on" sein.
    Meistens hat man keine Alternative, man ist getrieben.

    Ich spreche aus eigener Erfahrung!

    Aber seien wir mal ehrlich,es sind die Menschen in den Firmen, die es nicht auf die Reihe bekommen, diese "krankenmachenden" Strukturen zu ändern. Du und Ich....

    Auch, denke ich, ist es ein stückweit unsere deutsche Mentalität. Wir definieren uns mehr als Andere über unseren Beruf resp. Position. Erwähnen wir die e.g. immer noch in vielen Büros gelebte "Präsenzmentalität".

    In den meisten Corp. Firmen, sind die Führungsebenen selbst
    getrieben, von daher meist mit sich selbst und ihren Karrieren beschäftigt. Beim hiring wird zu viel auf die fachliche Kompetenz und zu wenig auf die soziale Kompetenz geachtet.

    Nur wir, die Menschen können es ändern! Wenn wir verstanden haben, dass wir nur EIN Leben haben und uns selbst nicht so wichtig nehmen würden.

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