Gastbeitrag: „Nehmen Sie von weiteren Bewerbungen Abstand“

Gastbeitrag
„Nehmen Sie von weiteren Bewerbungen Abstand“

Nicht nur Bewerbungen, auch Absagen sollten mit viel Fingerspitzengefühl formuliert sein, findet die Karriere-Expertin Svenja Hofert. Die meisten Absagen-Texte sind „haarsträubend“. Eine kleine Auswahl.
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DüsseldorfWenn Bewerber sich auf einen Job freuen, auf den sie zu 100 Prozent zu passen scheinen, ist es nicht schön, im Postfach eine Absage vorzufinden. Vor allem, wenn diese eine lieblose Mail an die „sehr geehrten Bewerber/sehr geehrte Bewerberinnen“ ist, die – vermutlich oder manchmal sichtbar durch offenes CC: – gleichzeitig an 100 andere Personen gegangen ist. „Wir haben uns für einen Kandidaten entschieden, der mit seinen Qualifikationen besser zu unseren Anforderungen passte.“ Besser?

Unsere Kunden leiten immer mal wieder Absagen an uns weiter mit dem Verweis „für Ihren Blog“ oder „für Ihre Sammlung“. Meistens sind die Absagen-Texte haarsträubend. Und ich könnte die beim Namen nennen, die dabei besonders unprofessionell agieren. Etwa die Bank, die den Bewerber bittet „von weiteren Bewerbungen Abstand zu nehmen“, da das Profil auch in Zukunft nicht passen würde. In Zukunft? Weiß das dieser Arbeitgeber?

Was ist, wenn ein neuer Personalchef eine ganz andere Strategie ausgibt? Und wer hat im Zeichen der Veränderungen am Arbeitsmarkt überhaupt so eine Strategie ausgegeben? Kann man das überhaupt Strategie nennen?

Ich kenne den CV des betreffenden Bewerbers; er ist makellos, mit Auslandserfahrung und allem, was man sich so wünscht. Vielleicht gefiel es nicht, dass die Person nicht nur in der Finanzbranche Erfahrung gesammelt hat, sondern auch außerhalb – man wird es nie erfahren. Möglicherweise wurde auch gar nicht richtig gelesen. Das kommt vor, erschreckend häufig. Wie beim Hamburger Konzern, der absagt, um fünf Minuten später wieder anzurufen. „Äh, war ein Versehen, der Praktikant hatte nicht genau genug hingesehen.“

Die Deutsche Bahn schreibt weiter: „Bitte lassen Sie sich jetzt nicht entmutigen, sondern sich vielmehr darin bestärken, auch weiterhin aktiv z.B. auf unserem Karriereportal (…) nach alternativen Positionen zu schauen. Vielleicht ergibt sich ja zu einem späteren Zeitpunkt mit einer anderen Stelle eine neue Chance bei der DB für Sie.“

Ja, das ist einerseits freundlich und andrerseits geschickt: warmhalten. Was können Personaler daraus lernen?

Lassen Sie die Texte nicht von Praktikanten schreiben. Sowohl beim Stelleninserat als auch bei der Absage lohnt sich das Invest in einen Texter. Doch es geht nicht um den Text allein, denken wir an das schon öfter thematisierte „Kampagnen-Du“. Nein, ein guter Texter sollte auf der Basis echter Informationen und wirklicher Strategie texten. Die ideale Basis ist ein Manual für die „Personal-Außenpolitik”. Ich sage bewusst „Außenpolitik“, weil das Wort Employer Branding ein Schimpfwort ist. Nirgendwo sonst wie in der Außenpolitik kommt es so stark auf Diplomatie an – bei maximaler Klarheit und in Harmonie zu den inneren Werten.

Die Autorin des Gastbeitrages, Svenja Hofert, ist Expertin für neue Karrieren. Die Autorin verschiedener Ratgeber und Sachbücher gilt als Kennerin moderner Karriere- und Jobmodelle. Sie bloggt und betreibt ein Coachingbüro in Hamburg.

Kommentare zu " Gastbeitrag: „Nehmen Sie von weiteren Bewerbungen Abstand“"

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  • "Augenlicht" alle Achtung fuer ihr Kommentar.

  • Sie machen ihrem Namen alle Ehre :-)
    Die Welt ist hart? Nein, aber es gibt harte Menschen. jeder Einzelne kann dazu beitragen, dass sie menschlicher bleibt und wird. ein Personaler ist z.B.nicht gezwunden Altersdiskrimierung zu betreiben. Es sind Menschen, die die Entscheidungen fällen,nicht die "Welt"

  • Ist doch egal, wie die Absage geschrieben wurde. Absage ist Absage und heißt: Wir wollen dich nicht!

    Müssen Absagen jetzt auch in Watte und warme Worthülsen verpackt werden, so wie die politisch korrekten Umschreibungen für unbequeme Wahrheiten?

    Die Welt ist nunmal hart.
    Man sollte sich der Realität bewusst und damit auch bereit sein, diese anzunehmen.



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