Gefordert und überfordert
Was treibt Manager in die Ausweglosigkeit?

„Ich war noch nie wirklich relaxed“: Der verstorbene Swisscom-Chef Carsten Schloter war ein Getriebener. Sein Suizid bewegt die Öffentlichkeit. Über die psychische Belastung von Managern – und Wege aus der Sackgasse.
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Düsseldorf„Es kommt irgendwann ein Punkt, wo Sie das Gefühl bekommen, nur noch von einer Verpflichtung zur nächsten zu rennen. Das schnürt Ihnen die Kehle zu“, erzählte Carsten Schloter im Mai einem Journalisten der Schweizer Sonntagszeitung. Zwei Monate später ist der Swisscom-Chef tot – er wurde am Dienstag leblos an seinem Wohnort im Raum Freiburg gefunden. Die Polizei geht von einem Suizid aus. Der Manager hinterlässt drei kleine Kinder und eine Ehefrau, von der er getrennt lebte.

Die Gründe für seinen Selbstmord sind noch unklar, aber der 49-Jährige sprach ganz offen davon, dass er Mühe hatte, sich von der Arbeit abzugrenzen. Er war ein Getriebener. Einer, der nicht abstritt, dass er ein Workaholic ist und in Interviews erzählte, dass er sein Smartphone nicht abschalten kann, um ständig erreichbar zu sein. Schloter: „Ich stelle bei mir fest, dass ich immer größere Schwierigkeiten habe, zur Ruhe zu kommen, das Tempo herunterzunehmen.“

Diese persönlichen Aussagen erscheinen jetzt in einem ganz anderen Licht. Es ist die Tragik vieler Topmanager, dass sie psychische Probleme als Schwäche interpretieren. Vor allem Führungskräfte sind Meister im Verbergen. „Psychische Probleme werden in der heutigen Leistungswelt als ein No-Go angesehen“, weiß der Coach Hartmut Stepputtis. „Je mehr Führungskräfte dazu neigen, sich als fehlerfrei und untouchable zu zeigen, desto problematischer wird es, über eigene Note zu reden.“

Dabei leiden Männer genauso häufig wie Frauen unter Depressionen - die Hauptursache für einen Selbstmord. Etwa vier Millionen Menschen sind in Deutschland laut dem europäischen Fachverband European Depression Association an Depressionen erkrankt. Allerdings, das hat das Robert-Koch-Institut ermittelt, werden nur 20 Prozent der Männerdepressionen überhaupt erkannt, während die Quote bei Frauen gut 40 Prozent beträgt. Die Selbstmordrate bei Männern ist dreimal so hoch wie bei Frauen.

Warum ihr Leiden häufig nicht erkannt wird, weiß der Führungskräftecoach Gottfried Huemer. „Wenn zu mir zehn Männer kommen, die unter einem Burnout oder einer Depression leiden, befindet sich darunter maximal einer, der das weiß“, schildert Huemer aus seinem Praxisalltag. „Die anderen Klienten sind sehr sehr überrascht. Erst, wenn ich ihnen die Symptome schildere, geht ein Licht auf.“ Weil Männer Experten darin sind, ihre Gefühlswelt abzuschalten, drücken sich seelische Nöte häufig über den Körper aus. Das gehe relativ lange gut. Huemer: „Gerade habe ich jemanden in der Beratung, der zum dritten Mal einen Bandscheibenvorfall hat.“

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Männer haben Angst vor Gefühlen

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Einsam an der Spitze

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  • Die Vision muss lauten das Leistungsgesellschaftsparadigma zu durchbrechen. Algorithmen und Computer sind nun mal besser in der Produktion als jeder noch so perfekte Manager.

    Deswegen brauchen wir das BGE bei voller Automatisierung.

  • Die Berufswahl ist eine freie Willensentscheidung.
    Erfolg? Ja, sicher, aber nicht zu jedem Preis!

    Meine heutige "Work-Life-Balance" als Unternehmer:
    06:45 - 07:30: Frühsport
    08:00 - 08:30: Frühstück
    08:45 - 13:45: Arbeit
    13:45 - 14:30: Mittagessen
    14:30 - 18:00: Arbeit
    18:00 - 22:45: Fun
    22:45 - 06:45: Nachtruhe

    Selbst im Schlaf verdiene ich Geld.
    Ist doch (fast) wie Urlaub!

  • @cosmoB
    In welchem Bereich will Ihre Firma tätig sein?
    Ihre Forderung nach Vielfalt klingt interessant. Mir wurde mal gesagt, ich sei für deutsche Unternehmen zu vielseitig und "könne zu viel". Letzteres hörte ich auch von einem Vorgesetzten: "Du kannst und machst so viel."
    Mich würde Ihr Unternehmenskonzept interessieren. Wenn Sie mögen und die Reaktionen auf Ihren Beitrag noch lesen, melden Sie sich gerne bei mir.

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