Homosexuelle Vorstände: Das letzte Tabu in Management-Etagen

Homosexuelle Vorstände
Das letzte Tabu in Management-Etagen

Ex-Fußballprofi Thomas Hitzlsperger hat seine Homosexualität öffentlich gemacht. Nur in Vorstandsetagen wagt seit Jahren niemand den Schritt. Die Angst vor Vorurteilen ist zu groß – trotz gut gemeinter Initiativen.
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DüsseldorfUlrich Köstlin machte seine Homosexualität 2003 öffentlich. Er war damals Vorstand des inzwischen mit Bayer fusionierten Pharmaunternehmens Schering und wagte, was vor ihm noch kein anderer gewagt hatte. Das ist jetzt elf Jahre her.

Ein Eisbrecher aber war Köstlin nicht – auch wenn es rein statistisch wahrscheinlich mehr als ein Dutzend homosexuelle Dax-Vorstände gibt. Er bleibt der bislang einzige Vorstand einer großen Aktiengesellschaft, der den Mut hatte, sich zu outen. Heute möchte Köstlin über seine Erfahrung nicht mehr öffentlich reden, sagt er zu Handelsblatt Online.

Nachdem Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger das Tabu für die Fußball-Welt am Mittwoch gebrochen hat, ist die Verschlossenheit rund um Homosexualität wohl nur noch in den Management-Etagen und in der katholischen Kirche größer. Köstlin war ein Einzelfall und Bernd Schachtsiek vom Völklinger Kreis, dem Bundesverband schwuler Führungskräfte, kennt etliche Ursachen dafür.

„Ein wichtiger Grund ist, dass Vorstände mit ihrem Arbeitsfeld in der Presse auftauchen sollen und wollen, nicht mit ihrem Privatleben“, sagt er im Gespräch mit Handelsblatt Online. „Die Homosexualität offenzulegen kann außerdem zu homophoben Reaktionen und einem Karriereknick führen. Wir drängen deshalb niemanden, diesen Schritt zu gehen.“

Auch wenn Hitzlsperger von Politikern, Sportlern und anderen Prominenten viel Zuspruch erfahren hat, weiß der Fußballer auch: „Homophobe haben jetzt einen Gegner mehr.“

Unternehmenschefs können in dieser Hinsicht durchaus mit Profi-Fußballern verglichen werden. „Wer an der Spitze eines Dax-Unternehmens oder anderen großen Konzerns steht, ist ständig enormem Erwartungs- und Wettbewerbsdruck ausgesetzt. Es erfordert Mut, sich in dieser Position zur eigenen Homosexualität zu äußern – denn Konkurrenten und Neider warten nur auf eine offene Flanke“, meint Eva Henkel vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland.

Das Tabu bekämpfen viele Konzerne mit sogenannten „Diversity“-Programmen, die Gleichberechtigung in Unternehmen fördern sollen. Doch wer es an die Spitze schaffen will, muss seinen Vorgesetzten gefallen. Und unter Headhuntern ist es eine bekannte Tatsache, dass verheiratete Manager mit Kindern bessere Chancen auf einen Aufstieg haben. Das wird von vielen Aufsichtsräten, die über Personalien entscheiden, als Stetigkeit gedeutet. „Meist entscheiden sich Ältere für Personen, die ihnen ähnlich sind und deren Lebensweg sie verstehen und nachvollziehen können“, sagt auch Schachtsiek.

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Mit viel Aufwand wird die sexuelle Identität verschleiert

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